Predigt am 3. Adventssonntag, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 13. Dezember 2009

 

Erste Lesung: Zef 3,14-17

Zweite Lesung: Phil 4,4-7

Evangelium: Lk 3,10-18

 

In der Zeit vor Weihnachten freuen sich am meisten die Kinder, in der Zeit nach Weihnachten freuen sich die Erwachsenen – wieder.

Liebe Mitchristen, das trifft zu und doch auch wieder nicht. Freude ist doch ansteckend, sie will eigentlich durchgehen von Klein bis Groß, sie will außen und innen sein, innerhalb der Kirche und außerhalb.

 

Die Freude für alle will zu spüren sein auf den Straßen und in den Häusern. Sie will gesehen werden auf den Gesichtern, sie will gespürt werden in den Herzen.

Die Freude will einkehren bei den Tieren und in der ganzen Schöpfung.

 

Vermutlich muss diese Lebensqualität der Freude, die wir stets bejahen, aber doch praktisch zu wenig vorfinden, eine unerschöpfliche Quelle haben! Wenn sie für alle Menschen bleibend ausreichen soll, muss sie aus einer ganz großen Tiefe kommen.

 

Als Zeichen für diesen Quell nehmen wir ein vergleichsweise kleines, grünes, rundes „Ding“, also unseren Adventskranz. „Sehet, die dritte Kerze brennt!“

Müssten wir eine fünfte Kerze platzieren – wo wäre ihr Platz?

Natürlich in der Mitte!

 

Wenn das Warten aufgehört hat, ist der Erwartete angekommen und die Vorfreude ist in Freude aufgegangen. Beim Adventskranz schlagen wir einen sichtbaren Bogen um das, was schon als unsichtbare Wirklichkeit vorgegeben ist: Gott ist in deiner Mitte!

 

Das ist die Voraussetzung, die der Prophet Zefanja verkündet. Er meint damit den Auslöser der Freude: Gottes Gegenwart unter uns – in der Mitte! Diese Mitte lässt sich bei einem Adventskranz kinderleicht finden, aber wenn Gott damit gemeint ist, können wir sie geometrisch nicht bestimmen. So wenig, wie sich der Sitz der Seele im Körper eines Menschen lokalisieren lässt.

 

Aber genau das macht die Freude offenbar. Sie ist ein Geschenk Gottes. Seine Freude über uns ist der Grund unserer Freude an Gott! Der tiefste und heiligste Grund des Menscheins – unsere Seele – und der tiefste und heiligste Grund des ganzen Kosmos – unser Gott – sind aufeinander bezogen und können nicht zufällig auseinanderfallen. Sie sind wesentlich durch die Freude am Leben verbunden.

 

Wir sind in der Mitte angebunden und wenn der Prophet Zefanja ausruft: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte“, dann können wir erkennen, dass der neue und ewige Bund Gottes mit den Menschen aus der Mitte kommt, aus der Mitte Israels, aus der Mitte des Volkes Gottes des ersten Bundes.

Der Name des Propheten ist Programm: „Zefanja“ bedeutet in der Übersetzung: „Jahwe hat schützend, Jahwe hat rettend geborgen“.

Geborgenheit, die von Gott kommt, ist umfassend und alles umgreifend. Sie geht von einer Mitte aus, die größer ist als alles, und gerade deshalb für alle zugänglich wird.

 

Gerade weil die Mitte für alles und für alle nach menschlichen oder auch nach naturwissenschaftlichen Maßstäben nicht fassbar ist, gerade deswegen ist sie umso mehr vorgegeben. Denn die Voraussetzungen des Lebens lassen sich naturwissenschaftlich nicht fassen – und trotzdem ist alles da, was es gibt. Und Gott selbst hat sich hinein begeben in die Mitte des Kosmos als einer von uns. Die Erde bleibt insofern Mittelpunkt der Schöpfung, weil Gott auf ihr eingekehrt ist.

 

Die Freude darüber ist auch die Freude des Apostels Paulus. Die Freude, die er meint, ist die Freude über das Sichtbare hinaus. Er saß im Gefängnis und musste mit seinem baldigen Tod rechnen.

Auf der gleichen Ebene schrieb Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis: „Das Jenseitige ist nicht das unendlich Ferne, sondern das Nächste.“

 

Der Grund unserer Freude ist also mit den Worten des Apostels: „Der Herr ist nahe!“

 

Jetzt mag jeder von uns auf Entdeckungsreise gehen, wie weit es bis zum nahen Gott ist. Das Licht des Adventskranzes vermittelt es. Im Widerschein dieses zunehmenden Lichtes erkenne ich, was zu tun ist: Wer etwas hat, gebe dem, der davon nichts hat. Dann kehrt die Freude kehrt ein und breitet sich aus – die gute Tat macht das ganze Jahr weihnachtlich! Die Zeit nach dem Fest ist die Zeit vor dem Fest! Denn Gottes Freude ist es, bei den Menschen zu sein!

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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