Predigt zum Hochfest Christi Himmelfahrt, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 2. Juni 2011


Lesung: Eph 1,17-23

Evangelium: Mt 28,16-20


Wo war da Gott? Liebe Mitchristen, wo war da Gott? Diese Frage, so gestellt, erinnert uns an Katastrophen, bei denen viele Menschen umgekommen oder verletzt worden sind. Diese Frage erinnert auch an Szenen menschlicher Schuld, welche unaufgearbeitet darniederliegen.

Für mich als Jugendlicher damals war es ein erlösendes Wort in einer Predigt, als der Vikar sagte: „Diese Menschen sind jetzt bei Gott.“ Ich konnte die vielen tödlich Verunglückten „lokalisieren“, das meint, sie gedanklich einem Ort zuweisen, wo sie gut „aufgehoben“ sind.


Was aber macht den entscheidenden Unterschied, so dass diese gedankliche Ausflucht nicht nur eine fromme Illusion darstellt? Es hilft wenig festzustellen, dass viele andere Menschen das ja auch glauben. Hilfreicher ist das eigene Schauen auf Christus und das Wahrnehmen seines Schicksals, denn an ihm hat Gott in seiner Macht gehandelt. „Er hat sie an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat.“ Dieses Handeln Gottes lässt sich übertragen auf alle, die an Christus glauben und eigentlich auf alle Menschen. Lassen Sie mich bitte diese Reihenfolge einhalten, denn das Herzblut fließt ja auch erst vom Herzen her durch die Gliedmaßen, bevor es im kleinen Zeh ankommt.


Das Handeln Gottes erweist sich so gesehen zunächst an der Kirche, aber eigentlich an der ganzen Menschheit. Denn die Kirche insgesamt lässt sich aufgrund ihrer universalen Sendung nicht eingrenzen. Sie ist keine „geschlossene Gesellschaft“, sondern durch den Missionsbefehl Jesu geradezu zur Entgrenzung beauftragt.


Voraussetzung dafür ist die Glaubensüberzeugung des Einzelnen: Für jeden Menschen gilt die Fürbitte und der Wunsch: „Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid.“ Und die Augen des Herzens sehen ganz weit – sozusagen bis in den Himmel hinein.

Heute, am so genannten „Vatertag“ gehen die Familien hinaus ins Freie und sie spüren damit schon etwas von der Weite, zu der wir berufen sind. Draußen fällt einem nicht mehr die Decke auf den Kopf, sondern das Herz wird weit und alle schnaufen einmal durch – und der Blick in die Weite tut den Augen nicht nur gut, sondern wir sehen auch psychisch weiter. Der Blick nach oben geht in die gleiche Richtung, wohin die Männer von Galiläa geschaut haben. Wir sind jetzt – 2000 Jahre später – dem Zeitpunkt viel näher, da der heimgegangene Christus wiederkommt. Mit ihm kommt gleichsam der ganze Himmel auf die Erde und auf uns zu. Bis dahin brauchen wir Konturen des Unsichtbaren, an denen unser Blick hängen bleibt; bis dahin brauchen wir sichtbare Umrisse der noch unsichtbaren Gestalt Christi, welche unsere Fragen nach dem Dasein Gottes einfangen. Diese Konturen und Umrisse finden wir bei Menschen, denen wir aufgrund ihrer Biographie nur einen ganz geringen Abstand zum Himmel einräumen. Wenn sie gestorben sind, empfinden wir für sie nur einen kurzen Weg oder nur eine kurze Wartezeit bis in den Himmel. Eben weil sie schon auf Erden nicht nur etwas, sondern ganz viel vom Himmel her gelebt und ihn vorgelebt haben. Ich bin überzeugt, jeder von uns vollzieht so seine persönlichen Heiligsprechungen. Im Grunde waren es Mitmenschen, die einfach nur gut zu anderen waren.

Wo der Himmel ist, da ist Gott! Jetzt sind wir wieder bei der eingangs gestellten Frage.


Der Himmel des Himmels und der Himmel auf Erden sollen zusammenkommen. Und das geht so: Es gibt zu jeder Zeit und an jedem Ort Mitmenschen und Mitchristen, in deren Umgebung und in deren Gemeinschaft wir uns so wohl fühlen, als ob wir „im Himmel wären“. Sie vermitteln den Geschmack des Himmels hier auf Erden; dazu sind sie in der Lage aufgrund der Verbundenheit mit dem alleinigen Mittler Jesus Christus, der in den Himmel gegangen ist. Der Geist der Weisheit und Offenbarung, den Gott uns gibt, lässt uns den unsichtbaren Christus sichtbar werden, so wie Gott will.

Die Augen des Glaubens überbrücken die Entfernung bis zum Himmel, so wie etwa die leiblichen Augen die Entfernung bis zur Sonne und sogar bis zu den Sternen „überbrücken“.


Es lohnt sich also, auf die verschiedenen Heiligen und auf die Kirche insgesamt zu schauen, denn durch sie wird der Christus anschaulich, der wiederkommen wird. Es lohnt sich, auf die verschiedenen Menschen zu schauen, durch die wir ein Stück Himmel auf Erden erlebt haben und erleben.

Sie sind da, wo sie hingehören: bei Gott! Und Gott ist bei ihnen, nicht nur im Himmel, denn der Christus ist gegangen, um wiederzukommen, damit kein Ort mehr übrig bleibe ohne den Himmel. Jesus Christus sammelt die Menschen im Reich des Vaters. Von dort wird er wiederkommen mit all den Seinen zu all den Seinen, damit Gott werde alles in allem (vgl. 1 Kor 15,28).


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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