Predigt zum Dreifaltigkeitsfest, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 19. Juni 2011


Lassen Sie mich einen Versuch starten, das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu erklären. Mein Versuch setzt an bei unserer sinnlichen Wahrnehmung. Es gilt dabei, unserer untrüglichen Wahrnehmung zu vertrauen. Normalerweise vergleichen wir. Und wir gewinnen unsere Erkenntnis durch Vergleiche.


Zum Vergleich gehören immer zwei Objekte, die man vergleichen kann; im Vergleich gewinnen wir den Unterschied. Zum Beispiel wenn in der örtlichen Tageszeitung zwei „gleiche“ Bilder abgedruckt sind und wir kleine, aber feine Unterschiede ausmachen sollen.

Beim Kauf eines Gebrauchtwagens etwa werden wir uns schlussendlich zwischen zwei gleichwertigen, in Frage kommenden Autos entscheiden müssen. Bei der Auswahl anderer Objekte ebenso.


Wie ist das bei Menschen? Kann man Menschen wirklich vergleichen? Zum einen sind wir ja keine Objekte, sondern menschliche Subjekte, also Personen, also unvergleichlich einmalig.

Was verbindet nun zwei menschliche Personen, was liegt zwischen zwei unvergleichlichen menschlichen Subjekten?

Dazwischen befindet sich die Wesensgleichheit als Menschen, „das Menschliche“ bzw. „die Menschheit“, oder sagen wir doch lieber eine spannende Beziehung. Was zwischen zwei Menschen „liegt“, können wir ansehen oder anhören oder spüren…

Was sich zwischen Zweien ereignet, liegt in der Beziehung. Die Dynamik einer Beziehung resultiert aus der Spannung dazwischen.

Personen können wir nicht vergleichen und sie lassen sich auch nicht vergleichen; aber das „Dazwischen“ können wir spüren.


Bedenken wir jetzt einmal den Gott der Philosophen her. Der Gott, den das „normale“ Denken hervorbringt, ist ein unbewegter, ewiger, in sich ruhender Gott. In dieser absoluten Einmaligkeit ist er das Ergebnis eines folgerichtigen Gedankenganges: letzter Grund oder letzter Ursprung von allem.

Ein solcher Gott ist zwar logisch zu Ende gedacht; er lässt aber nicht die aus einem Vergleich entstehende Dynamik zu.


Völlig anders der Gott, der nicht das Produkt unseres Denkens ist, sondern der in absoluter Freiheit sich selbst mitgeteilt hat und der sich schließlich in Jesus Christus unüberbietbar geoffenbart hat. Durch die Menschwerdung Gottes im geliebten Sohn ist der alleinige Gott aus sich herausgegangen und hat uns in seine Beziehung aufgenommen. Unser Glaube ist also Antwort auf die Weise, wie Gott sich offenbart.

Plötzlich kann ich von zwei Polen her denken und die Offenbarung des Vaters und die Offenbarung des Sohnes miteinander vergleichen. Die biblische Theologie vergleicht das AT mit dem NT und bewegt sich innerhalb dieser Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung.


Das sind die beiden Pole des Vergleichs. Zwischen Gott Vater und Gott Sohn liegt die Wesenheit Gottes. Die drei göttlichen Personen sind unvergleichlich, aber dazwischen befinden wir uns, dazwischen befindet sich die Welt, die durch die Hingabe des Sohnes gerettet ist.


Wir sind als Geschöpfe hineingenommen in diese göttliche Beziehung, wir sind hineingenommen in die göttliche Wesenheit zwischen Vater und Sohn, durch die eine Taufe, durch die der Heilige Geist für immer Wohnung in uns genommen hat.


Gott ist also für uns Christen nicht nur ein Gegenüber, sondern ein In-Gott-Sein.

In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17,28).

Diese Verkündigung des Apostels Paulus auf dem Areopag in Athen ist eine grundlegende sympathische Daseinsbeschreibung. Wir „befinden“ uns „außerhalb“ Gottes im Gegenüber zu Gott-Vater; wir „befinden“ uns „innerhalb“ Gottes als Geschöpfe dieser Welt, die durch den Sohn gerettet ist; unsere „Befindlichkeit“ ist geprägt durch das Wehen des Heiligen Geistes.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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