Predigt zum Patrozinium St. Peter und Paul, 29. Juni

Schwäbisch Hall-Westheim, 3. Juli 2011

 

Lesung: 2 Tim 4,6-8.17-18

Evangelium: Mt 16,13-19


Jeder von uns hat jetzt mindestens einen Schlüssel in der Tasche, vermutlich aber mehrere: für das Auto, für das Haus, für das Fahrrad und so weiter. Wir können damit auf- und zuschließen. Manche prüfen mehrmals nach, ob sie etwas auch tatsächlich geschlossen haben. Und es gibt viele Geschichten über den vergessenen oder verlegten Schlüssel.

Der Apostel Petrus bekam einen besonderen Schlüssel in die Hand, dargestellt an unzählbaren Skulpturen und Bildern. Wenn wir das Evangelium vom Hochfest der Apostel Petrus und Paulus hören, werden wir daran erinnert: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben.“


Für mich ist dieses Wort Jesu an Petrus ein Schlüsselwort, praktisch eine aufschlussreiche Stelle für die ganze Kirche. Wer ein Amt in der Kirche innehat, hat gleichsam auch diesen Schlüssel des Petrus bekommen. Zunächst einmal vermittelt das Schlüsselwort eine verbindliche Sicherheit. In der Sprache des Glaubens ist das die verbindliche Gewissheit. Menschen haben Schlüsselfunktionen füreinander. Diese besteht nicht im einfachen Öffnen und Schließen von Türen, sondern in der Zuständigkeit, die Dinge zu erschließen, also zugänglich zu machen.


Zu unserer Gemeinde gehören 100 % Katholiken, ein kleiner Teil ist heute hier. Kann es nicht sein, dass die übrigen 90 % ihren Schlüssel verlegt haben?


Eine junge Frau erzählte: „Weißt Du, ich gehe nur ganz selten zum Gottesdienst. Wenn ich in die Kirche gehe – und da gehe ich öfters hin, dann setze ich mich einfach still hinein und spreche mit dem lieben Gott.“ Ich selbst beobachte dies immer wieder, dass Menschen in die Kirche gehen – außerhalb der Gottesdienste. Das ist ein Zugang für den persönlichen Glauben.

Eine Bekannte hat gefragt: „Braucht man zu Gott eigentlich Schlüssel? Sind die Türen nicht ohnehin offen?“

Eine Lehrerin bemerkte dazu: Die Welt steht uns ja auch offen – und trotzdem gehen wir in die Schule, damit wir sie besser verstehen lernen.


Ein sehr bekannter Schlagersänger und Schauspieler schrieb folgenden Liedtext:

Kennst du seinen Namen, seinen Namen kennst du nicht.
Sieh zu ihm hinüber, dann kennst du sein Gesicht.
Hier ist ein Mensch, schick ihn nicht fort.
Gib ihm die Hand, schenk ihm ein Wort.

Kennst du seine Sorgen?
Weißt du wirklich, was ihn quält?
Schenke ihm Vertrauen, weil er dann es dir erzählt.
Hier ist ein Mensch, der ist allein.
Du bist es nicht. Ruf ihn herein.

Du willst das nicht hören.
Wer sich plagt, sagst du, gewinnt.
Doch du müsstest wissen:
auch das Glück ist manchmal blind.
Hier ist ein Mensch, der wird nicht gehen,
wenn du versuchst, ihn zu verstehn.

Hier ist ein Mensch, der will zu dir.
Du hast ein Haus – öffne die Tür.
Öffne die Tür. Öffne die Tür.
Hier ist ein Mensch, der will zu dir.“


Dieses Lied von Peter Alexander wurde unvergesslich, denn es bringt eine innere Sehnsucht zum Ausdruck, ohne dass das Wort Gott darin vorkommt. Es ist fast prophetisch und spricht aus, wie es sein könnte, wenn einer dem anderen das Leben zu erschließen hilft, indem er ihm die Tür seines Hauses öffnet, ihm Anteil gibt an seinem Leben und mit ihm dann über Gott und die Welt ins Gespräch kommen kann.


Aufgrund dieser Verbundenheit entsteht auch die weitergehende Gemeinsamkeit in der Glaubensüberzeugung. Das heißt: Der eigentliche Schlüssel zum anderen Menschen ist ein Mensch wie du und ich.

Und zu Gott? Zu Gott hätten wir gar keinen Schlüssel, wenn er sich uns nicht in Jesus von Nazaret „schlüsselfertig“ vorgestellt hätte. Dieser Schlüssel, den Jesus dem Petrus überreicht, ist ein Erkenntnis-Schlüssel, den er sich nicht selber geben konnte und den auch wir uns nicht selber aushändigen können.


Weil dieser Schlüssel entscheidend ist für die Verbindlichkeit zwischen Himmel und Erde, wurde er dem Petrus für die ganze Kirche überreicht. Damit für alle Menschen das Himmelreich erschlossen werden kann, hat Jesus hat das eindeutig persönlich gemeint: persönlich bei Petrus und persönlich bei uns, denn Verbindlichkeiten können nur persönlich ausgesprochen werden.


Der Schlüsseldienst der Kirche besteht nun darin, für die Erkenntnis Jesu Christi Sorge zu tragen.

Der Schlüsselnotdienst der Gemeinde besteht darin, dass wir voller Vertrauen aufmachen, das Herz, die Tür und das Haus, wenn folgender Fall eintritt: „Hier ist ein Mensch, der will zu dir.“


Diesen Schlüssel in der Tasche zu haben, wird entscheidend sein in der Gemeinde, in der Kirche und am Jüngsten Tag.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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