Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 10. Juli 2011


Lesung: Jes 55,10-11

Evangelium: Mt 13,1-23


Jesus erzählt das Gleichnis vom Sämann mit der Voraussetzung, dass das Korn, das der Sämann sät, auch keimt.

In der Natur gibt es bei der verschwenderischen Fülle von Samenkörnern auch viele Hohlkörner, also Samenkörner ohne Inhalt. Da es sich aber bei dem Samenkorn, von dem Jesus spricht, um das Wort Gottes handelt, dürfen wir ganz gewiss davon ausgehen, dass das Samenkorn des Wortes Gottes auf jeden Fall seine Keimfähigkeit besitzt, so wie der Prophet Jesaja verkündet: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe!“

Die Wirkung und Auswirkung von Gottes Wort in uns ist Gottes Werk in uns, in einem jeden von uns.


Wenn wir dabei allerdings nach menschlichen Maßstäben nach schnellen und sichtbaren Erfolgen suchen, können wir frustriert sein, denn wir als Menschen sehen nicht in einen anderen Mitmenschen hinein, sondern nur hinan. „Gott aber sieht auf das Herz“ (vgl. 1 Sam 16,7).

Wann und wie also das Wort Gottes im Herzen eines Menschen zu keimen beginnt, ist uns wesentlich verborgen. Bis es sich auswirkt zur konkreten Kirchlichkeit bzw. zu bestimmten Glaubensvollzügen, braucht es die Geduld und Ausdauer wie vergleichsweise zur Frage der Keimfähigkeit bei der Elsbeere.

Die Elsbeere ist der Baum des Jahres 2011. Die „Schöne Else“ war 1975 in Deutschland beinahe ausgestorben, es gibt sie aber dank des Forstwissenschaftlers Weding Kausch-Blecken von Schmeling (Göttingen) wieder. Anfangs hatten er und seine Kollegen kaum einen Samen zum Keimen bekommen. Nach ungezählten Experimenten fanden sie heraus: Der Baum liebt zwar die Wärme. Der Samen muss aber monatelang nasskalt bei niedriger Temperatur ruhen, bevor er keimfähig wird. Der Baum wird rund 25 Meter hoch. Seine Früchte enthalten überdurchschnittlich viel Vitamin C“ (Haller Tagblatt vom 29. Oktober 2010).


Ungezählte Experimente haben die Elsbeere vor dem Aussterben bewahrt. So wird es doch auch mit unserer Pastoral und ihrer Kunst sein. Ungezählte Experimente werden den Glauben und seine Kirchlichkeit vor dem Aussterben bewahren.


Wie geht das? Es gibt bestimmte Vorzeichen und Anzeichen, dass auf dem „Gottesacker Gemeinde“ das im Herzen aufgegangene Gotteswort weiterwachsen kann bis zur vollen Fruchtbarkeit. Dazu gehört vor allem für einen jeden von uns: hinhören und hinschauen. Es gibt so viele Weg-Zeichen, manchmal unverhofft und nebenbei.


Es gibt in der Stadt unten einen Copy-Shop. An einer Wand befinden sich merkwürdige Karikaturen und Bilder, darunter schwarz auf weiß:

vergeben – nachgeben – abgeben – aber niemals aufgeben!

Diese vier Worte sind es:

vergeben – nachgeben – abgeben – aber niemals aufgeben!

Das ist gut“, sagte ich und die Bedienung im Copy-Shop stimmte sofort zu. Gutes bringt Gutes hervor. Machen wir uns diese vier Worte zu eigen, auch vor allem im Umgang mit unserer geliebten Kirche.


Lieben Sie Ihre Kirche? Gut, dann hat Ihre Kritik die nötige Voraussetzung. Die Liebe und Leidenschaft für die Kirche ist Voraussetzung für den Dialogprozess.


So manche Tier- und Pflanzenarten verdanken ihr Nicht-Aussterben einem Nicht-Aufgeben ihrer „Retter“.

Machen wir es mit unserer Kirche genauso! Die Gemeinde vor Ort wird nicht „aussterben“, wenn wir sie nicht aufgeben!


Vergessen wir nicht: Gott selbst hat seinem Wort das Gütesiegel verliehen: Garantiert keimfähig! Manchmal kommt wie bei Pflanzen und Tieren eine vorgesehene „Keimruhe“ dazu. Aber diesen Umstand können wir getrost der Vorsehung Gottes überlassen.


Und vielleicht weht ja der Wind das eine oder andere „verirrte“ Samenkorn in fruchtbare Erde.“ So schrieb mir eine gute Bekannte zum heutigen Sonntagsevangelium. Der Wind weht ja, wie er will, das bestätigt Jesus. Aber er weht so, wie Gott will.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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