Predigt am 18. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 31. Juli 2011


Lesung: Röm 8,35.37-39

Evangelium: Mt 14,13-21

Die Gabe verwandelt den Geber


Jeder von uns muss mal aus irgendeinem gesundheitlichen Grund eine Tablette schlucken. Dann vertrauen wir den Inhaltsstoffen, dass sie sich im ganzen Körper auswirken, wir vertrauen, dass die eingenommene Arznei den kranken Menschen gesund macht – nach dem Motto: Der Mensch ist, was er isst. Essen wir Gesundes, bleiben wir gesund. Wir genießen den Leib Christi, weil wir Christi Leib sind. Denn durch die Taufe sind wir in den geheimnisvollen Leib Christi einverleibt worden. Dieses Geheimnis ist Hingabe. Die Hingabe Jesu Christi besteht in seinem Tod und in seiner Auferstehung. Das Geheimnis des Christen besteht also in der sich hingebenden Praxis nach dem Vorbild des Herrn.

Diese Praxis veranschaulichen nachweislich besonders die Biographien der Seligen und Heiligen. Sie ist aber grundsätzlich jedem Christen möglich. Dazu will uns das heutige Evangelium auf die Sprünge helfen.

Jesus eröffnet diese Ebene durch den einfachen Hinweis: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Damit sind die Jünger zunächst auf sich selbst zurückverwiesen.

Pädagogisch klug, denn Jesus will, dass seine Jünger mutiger werden und über sich selbst hinauswachsen.

Jetzt müssen sie also nachschauen, was da ist. Was ist da? Was haben wir überhaupt da? Was ist vorhanden?

Das Evangelium trifft so ziemlich genau auch unsere Situation in den Gemeinden. Es ist zwar „etwas“ da, aber wir empfinden das als wenig.

Und – vor dem Wenigen haben wir Bedenken und wir sind etwas mutlos geworden. Folge: Auch wir unterliegen der Versuchung zum Einkaufen zu schicken oder uns selbst einkaufen zu lassen.

Deswegen gilt unser erster Blick Jesus, der aus der Einsamkeit herauskommt, auf die Leute zugeht und ihnen Barmherzigkeit erweist, indem er die Kranken heilt. Zunächst gilt es wahrzunehmen, dass Jesus bei uns ist und auch bei uns bleibt.

Das ist der Hauptgrund unserer Zuversicht und der Zuversicht für unsere Gemeinden!

Weil Jesus da ist, können wir das Wenige, das wir entdecken, auch Jesus übergeben. Das ist alles Mögliche, was zur Auferbauung der Gemeinde beiträgt.

Aber das, was wir Jesus in die Hände legen, das wird er uns in gewandelter Gestalt zurückgeben – in der Gestalt, dass es für alle reicht, weil es aus Jesu Hand kommt!

Aber ohne Selbstbeteiligung geht Christsein nicht. Durch das, was man gibt und austeilt, gibt man sich selbst. Die Gabe verwandelt den Geber. Dazu will der Herr uns anleiten.

Die Jünger empfangen aus Jesu Hand die Brote und Fische zum Weitergeben. Ohne Jesus könnten sie das nicht. Deswegen macht das etwas mit ihnen. Ihr Tun wirkt auf sie selbst zurück. Durch ihr beständiges Austeilen aus Jesu Hand werden sie umgemodelt.

Sie spüren: Je größer die Verbundenheit mit Jesus, desto mehr können sie geben. Und das ist schön! Etwas geben zu können, und zwar nicht irgendetwas, sondern die Gabe von Jesus und damit von Gott her.

Das ist das innere Geheimnis der Nachfolge: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ (vgl. Joh 15,5), sagt Jesus.

Wer die Gaben Gottes austeilt, der wird selbst zur Gabe bis hin zu dem Punkt: „Bringt euch selbst als lebendige Opfergabe dar, die Gott gefällt!“ (vgl. Röm 12,1).

Was wir geben, das macht uns an. Was der Mensch „ausgibt“, das gestaltet ihn um. An der „Ausgabe“ bei Jesus zu sein, macht uns freigebig und Jesus ähnlich. Er hat sich für uns vollständig und restlos verausgabt, so dass es für alle reicht und alle satt werden.

Wie eine kleine Tablette ist eine kleine Gemeinde für die große Welt.

Aber wie sich eine kleine Tablette auswirkt, um den ganzen Leib gesund zu machen, so ist Jesus Geber und Gabe Gottes zugleich für die ganze Welt und in diesem Sinn werden wir Christen durch Selbstbeteiligung an der ausgeteilten Gabe Christus ähnlich. Unsere Gemeinden werden Sauerteig für die Welt, sie werden zum Licht und zum Salz der Erde.



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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