Predigt am 20. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Vorfeier des Hochfestes Mariä Aufnahme in den Himmel

St. Nikolaus, Reute, 14. August 2011


Lesung:        1 Kor 15,20-27a
Evangelium:    Lk 1,39-56


Liebe Mitchristen!

Nach der Begegnung hier im Gottesdienst kehren auch wir nach Hause zurück. Aber sehr oft sind wir unterwegs. Nur wenige von uns möchten ständig unterwegs sein. Deshalb suchen wir immer wieder den Ort auf, wo wir ausruhen können.

Mittlerweile haben wir auch zu Hause den Anschluss an die große weite Welt. Ein Knopfdruck genügt. Die Bilder und Nachrichten, die wir uns dann vorführen lassen, geben uns sehr oft überhaupt keinen Anlass zum Jubeln.
Wie kommt es, dass die Gottesmutter trotzdem jubelt und singen kann: „Meine Seele preist die Größe des Herrn“?

Letzte Woche war ich von Montag bis Donnerstag in Weingarten – als Teilnehmer bei der jährlichen „Philosophischen Sommerwoche“. Es ging um das denkbar Größte, das ist Gott!
Gott ist das, über das nichts Größeres gedacht werden kann. Denken wir an ihn, so ist alles menschlich Denkbare zu keiner Steigerung mehr fähig.
Über Gott nachgedacht, kommt der Mensch, kommen wir, an die absolute Grenze des Denk- und Sagbaren.

Diese Überlegung führt uns ganz weit weg von „Zuhause“. Pech gehabt, könnte da einer sagen, wo ist nun Gott, wenn schon der Gedanke an ihn uns so weit weg führt, so dass uns sogar die Galaxien des Weltraumes näher scheinen?

In der Praxis unseres christlichen Glaubens kann es nun sein, dass wir dreimal am Tag den „Engel des Herrn“ beten; zumindest erinnern die Glocken daran. Die Engel des Herrn sind schneller als das messbare Licht, das heißt, von Gott her kam die Benachrichtigung an die junge Jungfrau Mirjam in Nazaret, Mutter des Sohnes des Höchsten zu werden. Ihre Verwandte Elisabet fasst das zusammen und bringt es zur Sprache: „Selig ist die, die geglaubt hat, was der Herr ihr sagen ließ!“
Dementsprechend vermag Maria zu jubeln, denn sie hat ihr Kind angenommen und aufgenommen. Als Kind dieser Welt wollte Gott ankommen und er ist in Jesus von Nazaret angekommen!

Gott selbst hat sich aufgrund seiner absoluten Größe ganz klein gemacht und damit das denkbar Größte mit dem denkbar Kleinsten in eins gesetzt. Begeben wir uns in das ganz Große, kommen wir ins Staunen, etwa wenn wir den Sternenhimmel betrachten. Begeben wir uns in das ganz Kleine, kommen wir ins Staunen, etwa wenn wir die Oberfläche eines Schmetterlingsflügels unter dem Mikroskop betrachten.

Ob noch größer oder ob noch kleiner, das Maximum im Größten oder das Maximum im Kleinsten ist menschlich unerreichbar und Gott vorbehalten; wie durch eine Mauer umgeben, ist Gott für uns „dahinter“ geheimnisvoll verborgen; es sei denn, dass er sich von sich aus zeigt, sich offenbart und in Erscheinung tritt.
Mit jedem Schritt auf dieser Erde machte Jesus von Nazaret das Geheimnis Gottes offenbar.

Auf der genannten Tagung in Weingarten fragte ich deshalb den Professor, ob nicht in Jesus Christus das Größte an Gott und das Kleinste an Gott zur Übereinstimmung komme.
Zu meinem Erstaunen antwortete er: Jesus Christus ist nicht das Kleinste. „Das Kleinste ist ein Kind, das aus Hunger stirbt.“ (Eigentlich verwendete er ein Wort, das im Schwäbischen für Tiere verwendet wird, wenn sie umkommen). Für das, was sich zurzeit am Horn von Afrika abspielt, ist der Ausdruck angemessen, finde ich auch.

Wer an dieser Hungerkatastrophe Schuld ist, weiß ich nicht. Aber ich teile mit jedem die Überzeugung, dass solch eine Tragödie politisch und technisch lösbar und zu verhindern ist. Was aber ist mit den vielen, die de facto sterben?

Hilfreich ist für mich die Aussage im Loblied Mariens: Gott beschenkt die Hungernden mit seinen Gaben.
Das will heißen: Gott schenkt den Hungernden Menschen, die ihnen helfen. Das ist bereits der Fall. Es sind aber noch zu wenig.

Und Gott schenkt denen, für die es nicht mehr reicht, die Gabe des ewigen Lebens.
Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist folgerichtig für alle Menschen vorgesehen.
Dieser Glaube hilft mir zu leben. Die Verheißungen Gottes reichen aus, nicht zu verzweifeln. Praktisch gesehen heißt das, Gott lässt sich finden in den Kleinsten, die nach Hilfe schreien. Entscheidend wird sein, dass wir Jesu Wort beachten: „Was ihr einem der Geringsten meiner Brüder (und Schwestern!) getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).
In der wesentlichen Verbindung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus mit dem kleinsten hilfsbedürftigen Kind kommt die Größe des Herrn zum Tragen. „Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt mich auf“, sagt der Herr (vgl. Mt 18,5). Wer aber Jesus Christus aufnimmt, der wird von Gott aufgenommen – mit allem – mit Leib und Seele!

Wer Kindern hilft zu leben, wer ihnen zu essen und zu trinken gibt, wer allen Menschen bestmöglichst hilft, ihre Grundbedürfnisse zu stillen, der beteiligt sich an der Entmachtung des Todes. Die kleinste hilfreiche Tat bekommt den größtmöglichen Wert, wenn wir sie im Namen Jesu tun.

Dann begreifen wir auch, warum philosophische Überlegungen Anregungen sein können, in unserem praktischen christlichen Tun das Kleinste mit dem Größten zur Übereinstimmung zu bringen. Christus ist der Schlüssel dafür. Geben wir uns neu diesen Schlüssel in die Hand, damit wir unser eigentliches Zuhause „aufschließen“ können: das Geheimnis des Glaubens.
Dieses „Heim“ ist unser eigentliches Zuhause. Gott ist in seinen Verheißungen gegenwärtig da. In seinen Verheißungen sind wir eigentlich „daheim“.

Aufgenommen in den Himmel ist die Jungfrau Maria – und mit ihr alle Kinder, die vor Hunger oder Durst gestorben sind. Wir aber haben als Kinder Gottes die Macht, uns an der Ent-Machtung des Todes zu beteiligen.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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