Predigt am Heiligen Abend, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 24. Dezember 2009

 

Lesung: Hebr 1,1-6

Evangelium: Joh 1,1-5.9-14

 

Des Vaters ewig’s Wort“ ist angekommen, das Wort, „das im Anfang war“.

Damit ist der Grund der Welt genannt, der erste Grund aller Gründe, weshalb es überhaupt all das gibt, was entstanden ist. Deshalb existieren wir – ohne Zweifel sind wir da. Wir spüren Finsternis und wir nehmen doch Licht wahr.

 

Das physikalische Licht wird zurückgerechnet bis zum so genannten „Urknall“. Damit bezeichnen wir die physikalische Ursache des Weltalls: die Sonnen, die Monde und die Sterne, also die für die körperlichen Augen sichtbare Seite der Wirklichkeit. Wenn wir aber in dieser Heiligen Nacht die Sterne auf uns wirken lassen, dann spüren wir das Empfinden unserer Seele. Die Sterne werden zum Bild der unerreichbaren Weite, in der wir uns vorfinden und die uns umgibt.

 

Der Blickwinkel unseres Glaubens jedoch führt all diese Wirklichkeit auf den einen und einigenden Grund zurück: Mit den Worten des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort!“ – In einem unerreichbar weit zurückliegenden Ereignis hat „des Vaters ewig’s Wort“ einen Anfang gemacht. „Durch das Wort ist alles geworden.“ Die Kraft des Anfangs gründet im Wort Gottes.

 

Diese konkrete Welt ist also bewusst gewollt und durch das Wort ins Dasein gerufen.

Wir können dieses Wort übersetzen als ein grundsätzliches und unwiderrufliches „Ja“ Gottes zu Welt und Mensch, ein Ja ohne Wenn und Aber. Dieses Ja ist bedingungslos Gottes selbst: die reine, absolute und vollkommene Liebe. In uneingeschränkt freiem Entschluss ist durch das Wort alles aus Liebe geworden!

 

Angekommen ist die Liebe, das Leben und das Licht in der Heiligen Nacht in unserer Welt mit ihrem „Ja, aber“. Dieses „Aber“ reduziert wieder alles. Wir sagen, liebe Mitchristen, sehr oft: „aber“, nein, doch nicht ganz, eventuell doch nicht, nur vielleicht, mal sehen … So ist unser Leben doch nicht ganz hell und licht, manchmal halbherzig, oft lieblos.

 

Trotzdem ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Gerade deshalb hat Gott im Kind zu Betlehem unter uns Wohnung genommen und sich menschlichen Eltern anvertraut, die mit ihm den Weg des Lebens gingen.

 

Im Advent haben wir oft gesungen: „Seht, Gottes Lamm naht uns voll Huld, zu tilgen unsrer Sündenschuld“ (GL 801,3). Sehr bald wird Johannes der Täufer auf den erwachsenen Jesus zeigen und ihn titulieren: „Seht, das Lamm Gottes““ (Joh 1,29). Das Lamm Gottes ist sozusagen die Reparatur-Einrichtung für diese Welt, welche die Trennung des Menschen von Gott aufhebt und wieder in Ordnung bringt. In der Eucharistiefeier wird uns ganz bewusst die große Hostie gezeigt: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.“ Das ist für mich der anstrengendste Glaubensakt während der ganzen Messfeier. Kann das kleine „Brot“ so Großes bewirken, angesichts dessen, was auf der weiten Welt alles so schiefläuft? Genau das können wir glauben, denn es ist der gegenwärtige Heiland im Sakrament der Eucharistie! Deshalb antworten wir: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“

 

Immer wieder bitten wir, dass das Wort Gottes, das im Anfang war und das Christus selbst ist, sich in unserem Leben auswirke, dass unser Leben sich endgültig in Leben, Liebe und Licht wandle. – Wir sind als Ebenbild Gottes erschaffen (vgl. Gen 1,27) und tragen sein grundsätzliches Ja in uns. Es spiegelt sich in jedem Menschen wider.

Eine Wiederholung des Urknalls steht nicht in unserer Macht, aber die Erneuerung durch das Wort Gottes ist sehr wohl möglich, so dass Leben, Licht und Liebe in uns zunehmen und die Finsternis weicht. Der Grund, aus dem alles entstanden ist, spiegelt sich in uns selbst – in jedem Menschen.

 

Wenn wir vor dem ewigen Wort des Vaters niederknien wie die Hirten in dieser Heiligen Nacht, dann wird das zum Bekenntnis, dass wir das Angebot zur „Runderneuerung“ annehmen. An Weihnachten nehmen wir bei der Betrachtung des göttlichen Kindes auch uns Menschen neu in den Blick. Die großen Augen der Heiligen Weihnacht machen uns auf die Würde jedes Menschen aufmerksam.

 

Ich liebe Dich, Du Welt und Du Mensch!“ Dieses Zitat von Karl Rahner klingt wie die Liebeserklärung Gottes an uns. Wir sehen sie im Kind in der Krippe, das aus dieser Liebe, also aus Gott geboren ist. Im Lied heißt es: „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh’ ich dich kannt’, erkoren.“ Jetzt öffnet sich meine eigene kleine Existenz auf eine unabsehbare Zukunft hin. Wir sind von Gott erkoren, am Leben des ewigen Wortes teilzuhaben, das ohne Anfang und ohne Ende Christus selbst ist.

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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