Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 30. Oktober 2011


Lesung:        1 Thess 2,7b-9.13
Evangelium:    Mt 23,1-12


Auch Pharisäer

Markantes Zeichen einer jeden Kirche ist ihr Turm. Oben im Turm hängen die Glocken. Wenn sie läuten, spricht man auch vom „Betläuten“, meistens dreimal am Tag.
Wenn wir dabei den Engel des Herrn beten, so lautet die besondere Einfügung beim zweiten Mal: „Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!“ (Lk 1,38).
„Dein Wort“, das meint in diesem Zusammenhang die Verheißung der Geburt Jesu. Der Engel Gabriel aber war von Gott gesandt. Seine Botschaft war also die Botschaft Gottes; er hat „nur“ Gottes Wort übermittelt.
Maria aber, die Jungfrau in Nazaret, hat die „Nachricht“ empfangen, angenommen und vollgültig aufgenommen. Sie hat Gottes Wort und Gottes Willen in sich geschehen lassen. Dein Wille geschehe, wir im Himmel, so auf Erden! So hat es auch uns der Herr und Meister gelehrt, ihr Sohn.

Bloß, was ist nun der Wille Gottes – für Dich und mich? Um das herauszufinden gehen manche ins Kloster – für eine gewisse Zeit oder für ihr ganzes Leben. Auch ich war ja während meiner „Auszeit“ in zwei Klöstern, einmal in der Südeifel, einmal im Münsterland.

Im Kloster fühle ich mich aufgenommen und aufgehoben in der Verbundenheit der großen Glaubensgemeinschaft der Kirche. Gemeinsam spüren wir die Ausrichtung auf den lebendigen Gott hin. Ihm gilt die tägliche Aufmerksamkeit. Was will Gott von mir? Welchen Weg soll ich gehen?

Zu Hilfe kommt dabei die Stille, die ich dort eher finde als anderswo. Zusätzlich werde ich mir der besonderen Gegenwart Gottes im Kloster gewiss. Diese ist vermittelt durch Menschen, die dort leben.
Wer ins Kloster geht, setzt sich dem Anspruch aus, dass Gott da ist. Und wo Gott da ist, da ist „alles“ da. Folglich fehlt dem Menschen nichts, der Gott gehört.
„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ (Ps 23,1).

Das Hören auf Gott und das entsprechende Tun ist der Sinn des Klosterlebens: sich dem Anspruch auszusetzen, der über meinem Leben steht: Gott hat mit Dir und mit mir etwas vor.

Jenseits aller Aufgeregtheiten und Ablenkungen des Alltags kann ich die innere Antenne ausrichten auf den Herrn, unseren Gott, das macht Sinn. Es mit sich und mit Gott aushalten für eine gewisse Zeit – das verschafft Ermutigung und schenkt neues Licht auf die je eigene Situation hin.

Ein Aufenthalt im Kloster kann also dazu beitragen, dem Wort Gottes zur Wirksamkeit zu verhelfen, dergestalt, dass wir seine Übermittlung durch Menschenwort erkennen und anerkennen. Dafür ist der Apostel Paulus so sehr dankbar. Er lobt die Gastfreundschaft der Thessalonicher, aber vor allem ihre Annahme der Verkündigung von Gottes Wort aus Menschenmund.

Beim Predigtunterricht im Priesterseminar sagte mal ein Lehrer: „Was ich sage, ist richtig, was ich tue, ist nicht immer richtig. Deswegen richten Sie sich nach dem, was ich sage!“ Genau diesen Umstand „berücksichtigt“ Jesus auch bei den Pharisäern. Die Leute sollen tun, was diese sagen.
Wie für die Pharisäer ist genau das doch auch der Schwierigkeitsgrad für einen jeden von uns: in der Praxis unseres Lebens das einzuholen, wovon wir überzeugt sind. Wie lange dauert es oft, bis wir aufgrund unserer Einsicht handeln? Dabei haben wir uns auch viel zu sehr arrangiert mit dem „Ja, aber!“ Oft bleibt es auch ein Rätsel, warum wir einfachen und sinnfälligen Einsichten so wenig Folgen folgen lassen, etwa im gesundheitlichen oder religiösen Bereich.

Stattdessen liegt in der Konsequenz auch die Würze des Lebens und die Seligkeit auf Gott hin. Folgerichtig zu handeln hat seinen Schwierigkeitsgrad, noch dazu auf Gott hin. Jedoch – wir können uns täglich daran erinnern lassen. Hören wir die Glocken vom Kirchturm, können wir uns daran erinnern, dass „unsere“ Zeit Gott gehört. Wir können uns aber auch zu Hause solche Erinnerungszeichen geben. Früher waren die Häuser voll mit Bildern, Statuen oder Kreuzen an der Wand. Alles für die Erinnerung: Wir leben „um Gottes Willen“! Uns geschehe nach seinem Wort! Das ist jede Anstrengung wert, bevor wir die Pharisäer als Pharisäer bezeichnen.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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