Predigt am Hochfest Allerheiligen, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 1. November 2011


Erste Lesung:    Offb 7,2-4.9-14
Zweite Lesung:    1 Joh 3,1-3
Evangelium:    Mt 5,1-12a


So lange es noch so außerordentlich warm bleibt und das stimmungsvolle Herbstwetter anhält, gehen wir doch gern nach draußen – entweder in die Stille, wenn wir das Bedürfnis haben, die Wege abseits in die Natur, oder wenn wir in der Stimmung sind, gehen wir in die Stadt. Schwäbisch Hall gilt als die kleinste Metropole der Welt. Jede kleine Stadt hat etwas Großes und jede große Stadt hat etwas Kleines. Viele Leute haben etwas ganz Kleines in der Hand, aber zu klein sollte es auch nicht sein, damit wir es noch einigermaßen in der Hand halten und bedienen können, das so genannte oder auch Handy.

Das Bild in der Stadt wird geprägt durch manche Vieltelefonierer, die an einer Ecke stehen, oder man sieht junge Damen in flottem Modeschritt über den Bürgersteig stolzieren mit dem Handy am Ohr – speaking and walking. Mit dem Handy bleibe ich in Verbindung mit meinen Bekannten, Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen. Das alles aufgrund einer technischen Entwicklung, die noch vor nicht langer Zeit unmöglich erschien. Was uns inzwischen aus dem Alltag vertraut ist, ist für mich zum Bild einer wunderbaren Sache geworden, nämlich in Verbindung zu stehen, eingebunden zu sein in ein großes Kommunikationsnetz, in Verbindung treten zu können mit Leuten, die ebenso gern angerufen werden möchten. Und so habe ich eine Liste von anrufbaren Nummern, die für mich in jeder Lebenslage und Situation hilfreich werden können. Fehlt mir etwas, habe ich einen Menschen, der mich an einem Punkt ergänzt oder mir weiterhilft.

Dieses Bild nehme ich jetzt für den „Heiligenhimmel“. Menschen, die mit Gott in Verbindung stehen, sind eben aus diesem Grund vor allem anrufbar, denn sie haben das Gehörte weitergesagt und vom Geschauten Perspektiven vermittelt. Deswegen stehen die uns bekannten Heiligen im Heiligenkalender und weil wir die große Schar der Heiligen nicht übersehen können, nehmen wir sie alle zusammen und sagen einfach „Allerheiligen“. So wie wenn ein Schüler gefragt wird, was lernst du denn in der Schule, antwortet er: Ach, alles.

Alles zusammengenommen, das ist ein Zugeständnis an unsere Begrenztheit. Aber von allem können wir nie alles kennen – und schon eine Tageszeitung auswendig zu lernen ist unmöglich. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Wenn wir ein paar Heilige kennen, die mit allen anderen Heiligen in Verbindung stehen, genügt das. So wie wir nur mit einem Menschen telefonieren, aber der Möglichkeit nach mit tausend telefonieren könnten. So steht ein Heiliger, den wir gut kennen, für alle – und ein Mensch, den wir gut kennen, steht für viele andere.

Eine gute Bekannte sagte mir, ich möchte aber einzigartig sein. Dem will ich hinzufügen, dass wir unsere Identität dadurch gewinnen, dass wir Einzigartigkeit und Gleichartigkeit in uns vereinen. Die Gleichartigkeit bei den Heiligen ist ihre Stimmung auf Christus hin und davon teilen sie uns mit, wenn wir sie anrufen. So wie bei einem großen Fest alle zur Stimmung beitragen.

So hören und sehen wir den Herrn als den großen Gastgeber für den heutigen Festtag. Gott allein kommt es zu, jeden einzelnen Menschen ganz und gar zu kennen und grenzenlos zu lieben. Aber uns ist es nur möglich, über die jeweilige Glaubensgemeinschaft hinaus, eins nach dem anderen, mit allen Heiligen in Verbindung zu treten. Diese sind unsere Vorfahren im Glauben. Die Fruchtbarkeit ihrer Biografie endete nicht in ihrem Tod, denken wir an das Bild vom Weizenkorn, das in die Erde gefallen ist. Denn der Lebenslauf eines Heiligen zeigt auf, wie sie die Seligpreisungen ernst genommen und in ihr Leben umgesetzt haben. Sie waren „Transformatoren“ und Übersetzer der Worte Jesu in ihre jeweilige Zeit hinein. So haben sie eine unverwechselbare und einzigartige Spur hinterlassen, das ist die christliche Einzigartigkeit. Sie wurden aber von denselben Worten Jesu bewegt, das ist die christliche Gleichartigkeit. Und Spuren kann man nachspüren. So kann das heutige Hochfest zum Anlass werden, einen Heiligen „und alle“ zu suchen und zu finden.

Heilige sind anrufbar. Seien auch wir es füreinander, damit wir miteinander der großen Einladung Christi nachkommen können: „Euer Lohn im Himmel wird groß sein“ (Mt 5,12).

Die eigentliche Empfangsbereitschaft geht jenseits aller technischen Möglichkeiten von unserem Herzen aus. Dieses ist das eigentliche, vom Herrgott eingebaute Handy mit einer Pinnummer, die nur er kennt. Diese gilt für An- und Abruf. Aber so lange wir hier auf Erden da sind, dürfen wir uns wundern über die technischen Wellenlängen der möglichen Verbundenheit, aber noch viel mehr über die religiöse Verbundenheit in Christus. Er ist offenbar und anrufbar geworden für alle Welt. Seine Stimme ist die Stimmung unter den Menschen, seine Stimme ist die Stimmung zwischen Kirche und Menschen und Seligen und Heiligen, zwischen Dir und mir und allen.


Pfarrer Karl Enderle

 

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