Predigt am 1. Adventssonntag, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 27. November 2011


Erste Lesung:    Jes 63,16b-17.19b;64,3-7
Zweite Lesung:    1 Kor 1,3-9
Evangelium:    Mk 13,33-37


Auf ein Neues!


Liebe Mitchristen: Auf ein Neues!
Wir meinen ganz bestimmt das Kirchenjahr.
Die Politiker in Baden-Württemberg meinen heute vor allem die Bürgerbeteiligung. Auf ein Neues wird nach einer Lösung gesucht. Die Stimmung im Volk wird sich zeigen durch die abgegebene Stimme heute auf dem Stimmzettel.
Dieser Vorgang hat mit dem Advent in besonderer Weise zu tun. Denn er bietet einen passenden Vergleich.

Ich finde es gut, auf die Stimme des einzelnen Menschen zu setzen. Die Summe der Stimmen ergibt das beste Stimmungsbild. Großprojekte wie zum Beispiel die Renovation des Stuttgarter Hauptbahnhofs müssen von der Zustimmung einer breiten Mehrheit getragen sein.
Ob nun „oben“ oder „unten“ oder wie auch immer die bestmögliche Lösung aussehen wird, soll das Volk entscheiden. Wir – jeder einzelne – können dazu beitragen mit unserer Stimmabgabe. Das finde ich das richtig Neue dabei.

Und nun zu dem Vergleich, auf den es mir ankommt. Bei jedem Vordringen ins Erdreich braucht es ein Grundwasser-Management.
Grundwasser gibt es fast überall in der Tiefe, ganz unterschiedlich je nach Gesteinsformation usw. Jedenfalls ist es da und es ist lebenswichtig. Ohne Wasser gibt es kein Leben – ohne Gott wären überhaupt keine Lebewesen denkbar. Nun habe ich Gott als Schöpfer ins Spiel gebracht. Er hat ja auch uns Menschen erschaffen. Deswegen lässt er sich finden in unserer je persönlichen Tiefe. Jeder Mensch besitzt eine unergründliche, unfassbare Tiefendimension.
Wenn wir also vergleichsweise einen Brunnen bohren würden hinab in unseren tiefsten Seelengrund, worauf würden wir stoßen? Ist es nicht der Quellgrund Gottes selbst in uns?
Gott wohnt in unserem tiefsten Seelengrund und wir sind von ihm gehalten aus der Tiefe. Das erinnert an das Psalmwort: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: Herr, höre meine Stimme!“ (Ps 130,1-2a).

Meine Stimme aus der Tiefe meines Herzens soll Gott hören und erhören. Das Göttliche ganz tief in jedem Menschen will zur Übereinstimmung kommen mit dem, was Gott aus der Zukunft herbeiführen wird: den Christus! Das ganz Tiefe in mir, sozusagen der „Christus in mir“, soll mit dem ganz Hohen, dem wiederkommenden Christus, korrespondieren. Die Vergangenheit will der Zukunft entsprechen. Gott und Mensch sollen bei der Wiederkunft Christi zur Übereinstimmung gelangen.

Doch vielfach ist diese Tiefenschicht Gottes in uns überlagert. Als Täter und Opfer zugleich haben wir sie vielfach zugedeckt. Der Rat Jesu zur Wachsamkeit meint also, dass wir das „aufarbeiten“, was wir bisher oft allzu schnell „unter den Teppich“ gekehrt haben. Wenn wir auf diese Weise unser Leben für Gott freigeräumt haben, dann kommen wir auch einander näher, mitmenschlich und vor allem auch als „Kirche“.

Herausgerufen von der einen Stimme des Herrn, finden die da oben und die da unten zu immer größerer Übereinstimmung. Dann können die „Kirchenfürsten“ viel mehr auf die Stimme des Volkes setzen, gemäß dem urchristlichen Prinzip: Vox populi – vox Dei. „Seid wachsam!“ Das bedeutet, dass wir den Quellgrund Gottes in uns auf die Wiederkunft Christi ausrichten, d.h. auf Gott selbst. Das Anfangswort, das uns ins Leben gerufen hat, will mit dem Schlusswort übereinstimmen.

Die Wiederkunft Christi ist vergleichbar mit einem unumkehrbaren Großprojekt der Weltgeschichte. Sie ist von Gott, dem Vater vorgesehen. Während menschliche Projekte stets veränderbar sind, wird die Parusie Christi als Tat und als Tag Gottes unumkehrbar sein. Dementsprechend sollen wir wachsam sein, wenn der letzte Sonntag anbricht, dessen Termin nur der Vater im Himmel kennt. Aber vielleicht hat er den Termin immer wieder verschoben, um uns neue Chancen einzuräumen.

Gehen wir miteinander auf ein Neues ins neue Kirchenjahr, damit wir für die Wiederkunft Christi wachsam genug sind. Unsere Stimmabgabe ist deshalb jeden Sonntag gefordert: für Christus! So wird bei der Vollendung der Welt die Stimme des Richters Christus auch für uns sein.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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