Predigt am 2. Adventssonntag, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 4. Dezember 2011


Erste Lesung:    Jes 40,1-5.9-11
Zweite Lesung:    2 Petr 3,8-14
Evangelium:    Mk 1,1-8


Und – wohin sind wir gekommen mit unserer Geradlinigkeit?
„Natürlich“ greift der Evangelist Markus das Wort des Propheten Jesaja auf und verkündet damit das Bild von der ebenen Straße und dem „geraden Weg“.
Zeige mir doch jemand mal in der Natur eine gerade Linie. Woher nimmt das Lineal seine Geradheit? Bleibt eine gerade endliche Linie bei ihrer beliebigen Verlängerung gerade?

Wenn wir uns zurückversetzen in die Zeit des Propheten Jesaja, so musste die Fortbewegung damals die Unwegsamkeit in Kauf nehmen. Lange Strecken und unwegsames Gelänge und hügelige Berge wurden am besten mit den Tieren, mit Pferden, Eseln und Kamelen bewältigt. Im Gelände „denken“ diese Tiere mit, denn sie kennen die Umgebung und leben von der Fortbewegung. Ohne diese Tiere gab es in antiker Zeit kein Vorwärtskommen.

Im Vergleich dazu haben wir bis jetzt im 21. Jahrhundert schon alles eben gemacht. Berge und Hügel sind eben gemacht; die Straßen breit und gerade, „Autobahn“ genannt, auch die Schienen für die Züge werden immer gerader gebaut, sogar unterirdisch. Alles nach dem Motto: schneller – tiefer – höher – weiter! Wo werden wir landen?

Die Wasserstraßen haben wir ebenso gerade gemacht, dass alles nur noch schneller abfließt; aber dafür regnet es entweder lange gar nicht mehr oder dann so stark, dass es gleich Überflutungen gibt.
Auch der Flugverkehr nimmt ständig zu und die Flughäfen werden ausgebaut. Immer mehr Satelliten umkreisen die Erde.
Sind wir dadurch dem Herrn nähergekommen, sind wir einander nähergekommen?

Wenn wir das Bild des Propheten missverstehen, landen wir im ökologischen Desaster; das können wir jeden Tag in den Medien nachhören, nachlesen, nachschauen.

Vielmehr ist das Bild des Propheten eine Metapher für unseren inneren Weg auf Gott hin. Unsere äußere Umgebung ist ein Zeichen für unsere Innenwelt; das Innere gibt dem Äußeren seine Note. Entspricht also unsere Verkehrssituation dem, wie wir miteinander umgehen? Sind unsere inneren Wege auch so gerade?

Der Prophet meint ganz gewiss, dass wir äußere und innere Hindernisse im Umgang miteinander aus dem Weg räumen sollen, dann wird auch der Weg auf Gott hin füreinander frei. Wir sind es einander schuldig, füreinander die Sicht auf Gott hin nicht zu behindern, damit schließlich alle Menschen im großen Miteinander das Heil sehen können, das von Gott kommt. Dafür kann jeder Mensch auf Gott hin transparent werden.

Advent ist also dann, wenn wir selbst zu adventlichen Fenstern geworden sind. Wenn wir geradewegs erkennen können, wie groß die Geduld Gottes mit uns ist, bis wir uns bekehren und unsere Herzen dem lebendigen Gott zuwenden. Diese Bekehrung meint die Ausrichtung auf Gott hin und zugleich wesentlich die Hinkehr zum Mitmenschen. Ebnen wir den Weg zum Mitmenschen!

Wie sieht das praktisch aus? Vermutlich kommt es immer darauf an, was gerade der Situation angemessen ist. Manchmal ist es angebracht, die Dinge direkt anzusprechen, manchmal empfiehlt sich eine indirekte Vorgehensweise, um mit dem Mitmenschen zu einer gewissen Übereinstimmung zu kommen. Eine bleibende Übereinstimmung erhalten wir meines Erachtens vor allem auf der Ebene der Glaubensüberzeugung. Schwestern und Brüder im Glauben bestärken die eigene Verbindung zu Gott.

Unsere „Geradlinigkeit“ im Sinne des Propheten Jesaja findet ihr richterliches Maß am Mitmenschen. Dem Mitmensch gerecht werden ist die unvergängliche Aktie für den „neuen Himmel und die neue Erde, in der die Gerechtigkeit wohnt“ (vgl. 2 Petr 3,13). Diese Aktie schenkt uns das entscheidende Dabeisein.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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