Predigt am 3. Adventssonntag, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 11. Dezember 2011


Erste Lesung:    Jes 61,1-2a.10-11
Zweite Lesung:    1 Thess 5,16-24
Evangelium:    Joh 1,6-8.19-28




Die kleine Luisa hat noch nie so richtig den Winter und Schnee wahrgenommen. Doch als es vor wenigen Tagen über Nacht geschneit hat, geht sie auf die Terrasse, sieht den ganzen Garten mit einer weißen Schicht bedeckt und sagt entrüstet: Wer war das?! …

Nun, liebe Mitchristen, beantworten wir die Frage der kleinen Luisa!
Wir haben auch für dieses Mal denjenigen oder diejenige unter uns noch nicht gefunden, der bzw. die für diesen Winter Schnee bestellt hat.
Schnee ist ein wunderbares weißes Kleid für die ganze Landschaft. Die Schneeflocken fallen geschmeidig von oben herab und bilden ein zartes Geschmeide für Baum und Äste. So wünschen wir uns „Weiße Weihnachten“ und meinen damit das Hochzeitskleid für die Heilige Weihnacht.

Jeder und jede von uns arbeitet viel dafür, dass das „Fest aller Feste“ wirklich schön werden kann, aber würde der Herrgott selbst dieses Fest nicht „hereinschneien lassen“ über Nacht, gingen wir ganz schön leer aus.

Deswegen schlägt das heutige Evangelium vom 3. Advent die Brücke zum Weihnachtstag. Johannes „kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht“. Es wird sogar zweimal genannt. „Er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.“

Meistens beschert uns die dunkle Jahreszeit auch viel Schnee und der macht sie etwas heller. Denn all der Glitzerkram der Kaufhäuser hat seinen Ursprung im Glitzern der Oberfläche des Schnees. Das Funkeln und das Blinken der Eiskristalle tragen zur Faszination der Heiligen Nacht bei.
Genauso ist es mit einem Hochzeitskleid. Das weiße Geschmeide kommt erst dann richtig zur Geltung, wenn es im Licht aufstrahlt und das Empfangene widerspiegelt.

Wir sind uns gewiss, liebe Mitchristen, dass Gott uns mit einem Hochzeitskleid ausstatten wird. Eigentlich sind wir damit schon seit unserer Taufe ausgestattet. Grund für diesen Optimismus ist die Treue Gottes, auf die auch der Prophet Jesaja baut: „Er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit, wie ein Bräutigam sich festlich schmückt und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt.“ Genau diese Gewissheit ist auch Anlass für seinen Jubel und seine Freude. Was Gott da für einen einzigen Menschen bereithält ist ein Hochzeitskleid, das für die Hochzeit bei Gott bestimmt ist; es ist schöner als alle schönen Kleider auf allen Modeschauen der Welt zusammengenommen.

Allerdings – es dauert! Und warten können wir schon lange nicht mehr, das haben wir vielfach verlernt. Doch der Prophet Jesaja setzt dagegen: „Denn wie die Erde die Saat wachsen lässt und der Garten die Pflanzen hervorbringt, so bringt Gott, der Herr, (das Kleid der) Gerechtigkeit hervor und Ruhm vor allen Völkern.“

Viele haben keinen Garten mehr und die meisten bei uns arbeiten nicht mehr in der Landwirtschaft. Im Computerzeitalter sind wir ungeduldig geworden. Schade.
Selig, wer einen Garten hat oder in den Garten der Natur zu schauen vermag!
Hören wir doch dazu das „Geistliche Wort“ von Frau Ute Frieling-Huchzermeyer, der Chefredakteurin der Zeitschrift „Landlust“ in einer früheren Ausgabe (Jan./Febr. 2009):

„Zäh zieht sich die Zeit bis zum ersten Sprießen hin.
Da helfen auch bunte Kataloge wenig drüber hinweg.
Garten heißt warten,
(das) bekommen die Ungeduldigen unter uns wieder unliebsam zu spüren.

Nehmen wir die von der Natur verordnete Winterpause als ein Lehrstück für Langmut.
Ausdauer ist nicht nur für Gärtner ein Schlüssel zum Erfolg.
Abwarten können hingegen (ist)
dem Zeitgeist nach völlig unzeitgemäß.

Geduld, sagt Hesse, ist das Einzige, was zu lernen sich lohnt,
aber auch das Schwerste.
Jedes Wachstum, jedes Gedeihen beruht auf Geduld – im Garten wie im Leben.“

„Jedes Gedeihen beruht auf Geduld“, schreibt sie.
Der Schnee kommt von oben nach unten über Nacht, die Saat braucht viele Tage von unten nach oben. Doch sie kommt, auch wenn die Zeit bis zum ersten Sprießen sich zäh dahinzieht.

Unsere Geduld ist ein unverzichtbarer Beitrag für die Gabe Gottes, das Wachsen der Saat. Das sind unsere Gemeinden – und sie brauchen Geduld. Sie lohnt sich aber, denn bei der Wiederkunft Christi, bei seiner Ankunft am Ende der Zeit, wird er uns das unverlierbare Hochzeitskleid für die Ewigkeit überreichen.

Dann wird unser Kleid aufleuchten und aufblitzen im Widerschein des Bräutigams. Wer wie Johannes der Täufer im Leben und im Sterben Zeugnis gegeben hat vom Licht, das Christus ist, der steht dann im vollen Licht.

Mag es dunkel sein, soviel es will, es gibt den Schnee als Spiegel für das Licht in der Nacht, mag es noch lange dauern, bis der Bräutigam kommt, es gibt die Christen, es gibt die zarten Schneekristalle des Glaubens, in denen sich das ewige Licht schon bricht und aufscheint und aufblitzt und aufleuchtet und aufglänzt …

Apropos:
Wer war das? – das mit dem Schnee, dem Lichtkleid für die Nacht?
Wer ist das?
Wer wird es sein?
Irgendwann hat das Warten ein Ende,
das Warten ist zu Ende, wenn der Blitz aufleuchtet vom einen Ende der Erde bis zum anderen Ende des Himmels und Jesus kommt als der Bräutigam, für den diese Welt „bestellt“ wurde!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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