Predigt am 4. Adventssonntag, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 18. Dezember 2011


Erste Lesung:    2 Sam 7,1.5.8b-12.14a.16
Zweite Lesung:    Röm 16,25-27
Evangelium:    Lk 1,26-38


Es gibt zweierlei Sorten von Menschen: solche ohne – und solche mit Brille (Brille aufsetzen).
Mittlerweile muss ich auch dran glauben; aber warum nicht, dann eben mit Bart und vor allem mit Brille.
Sind wir doch offen und ehrlich, liebe Mitchristen, wir wollen fernsehen, nahsehen und mehr sehen.
Deswegen wird es schließlich Weihnachten. Wie meine ich das?

Um zu sehen, brauchen wir Licht. Physikalisch bekommen wir es tagsüber von der Sonne – sie ist rund, besonders hinter den Wolken und bei Nebelvorhängen.
In der Nacht scheint der Mond, einmal im Monat der volle Mond, wie erst neulich. Oft denke ich dabei an das bekannte Gedicht von Matthias Claudius, insbesondere an die dritte Strophe:
„Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.“

So wird der Vollmond zum Symbol für ein rundes und ganzes und voll erleuchtetes Leben. Aber er leuchtet nicht von selbst, sondern er empfängt seine Leuchtkraft von der Lichtquelle, von der Sonne. Doch manchmal kommt es vor, dass auch der volle Mond ohne Licht und ganz finster wirkt, zum Bespiel bei der totalen Sonnenfinsternis am 11. August 1999.
Am Altar hängt ein großes Kalenderbild davon: Bei der totalen Sonnenfinsternis steht der Mond „genau“ zwischen Sonne und Erde. Wie er sonst als Widerschein das Licht der Sonne auf die Erde wirft, so wirkt er bei dieser Konstellation als Schattenwerfer und hüllt die betreffende Erdseite in Dunkelheit.

Aber unser Erdenrund braucht das Licht zur Erleuchtung aller Menschen. An Weihnachten gibt Gott sich selbst als ewiges Licht auf die Erde. Wir werden singen: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein; es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns zu Lichtes Kindern macht. Kyrieleis“ (GL 130,4).

Die vier Kerzen des Advents dienen als Zeichen der Erwartung, dass dieses volle Licht kommt. Sie lenken unsere Konzentration auf das Kind, das Maria empfangen hat. Es wird später das Licht der Welt genannt (vgl. Mt 5,14: „Ihr seid das Licht der Welt“; Joh 8,12: „Ich bin das Licht der Welt“).

Wenn wir in dieses Licht schauen, auf Jesus Christus, dann empfangen wir davon und werden selbst zum Widerschein Christi. Das bekannte Adventslied meint dazu: „Auf, auf, ihr Herzen und werdet licht“ (GL 115,4), „Nun tragt eurer Güte hellen Schein weit in die dunkle Welt hinein“ (GL 115,3).
Die vier Adventskerzen an den vier Ecken auf dem Altar bilden „das irdische Geviert“ ab und symbolisieren die vier Himmelsrichtungen. In alle Welt und in alle Richtungen sollen wir das neue Licht tragen, um die dunkle Welt hell zu machen, hell mit dem Licht Gottes.

Wer zweifelt, ob das möglich ist, wird vom Engel dieselbe Antwort bekommen: „Für Gott ist nichts unmöglich!“
Immer, wenn wir Gottes Willen für unmöglich halten und nachfragen: „Wie soll das geschehen?“, z. B. dass alle Menschen Christen werden, bekommen wir die Antwort des Engels: „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten!“ Am Beispiel der Miriam von Nazaret entscheidet sich immer neu auch unser Christsein „freiwillig darüber hinaus“. Unsere Leuchtkraft nimmt zu mit einen je eigenen ähnlich großen Glauben und Vertrauen. Gehen wir also in das Viereck dieser Welt hinaus und machen wir diese Erde „rund und schön“ durch das Licht Gottes.

Entscheidend ist doch, was wir sehen. Dazu brauchen wir Licht und gute Augen oder eben eine Brille.
Wichtig ist dabei zunächst, dass wir füreinander nicht in der Sonne stehen und Finsternisse produzieren, wie es gleichsam der Mond bei einer Sonnenfinsternis bewirkt, sondern den Blick freigeben auf Christus, die Sonne unseres Heils. An Weihnachten wird uns dann das Kind zu Betlehem eine Brille schenken für das Auge des Glaubens in unserem Herzen. Das Christkind schenkt uns seine göttliche Sichtweise. Gott wird Mensch, damit wir Menschen neu sehen können: Es gibt die Gottesnatur in uns. Diese bewirkt, dass wir uns gegenseitig erkennen als Brüder und Schwestern. Es ist Gottes Wille, dass wir ihn erkennen als Gott und Vater aller Menschen, durch den Sohn im Heiligen Geist.
Der Heilige Geist – das sind die Augentropfen. Diese Augentropfen bewirken den weihnachtlichen Glanz. Wenn aus den klein- und großkarierten, aber eben oft quadratisch-engmaschigen Verhältnissen unserer Glaubenspraxis die ganze Welt groß und rund und schön geworden ist.

Eigentlich Weihnachten ist erst dann, wenn die Quadratur des Kreises gelungen ist. Wenn das Licht Gottes zur Erleuchtung der Menschen die quadratischen Mauern vielfacher Abgrenzungen überwunden hat und rund um die Erde alle Menschen einander als Geschwister sehen und erkennen und sich satt sehen können am Kind, das dies alles bewirkt hat. Und es wird nur noch eine Sorte Mensch geben: Christkinder im vollen Licht „rund und schön“!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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