Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn, Weihnachten

Heiligabend

Schwäbisch Hall, 24. Dezember 2011


Angeschaut – aufgegriffen – umgeformt


 Engel von der Krippe holen und zeigen
Aus dem Urlaub hat eine Bekannte etwas mitgebracht: Dieses kleine „Etwas“ steht nun auf einem kleinen Stab. Es verkörpert den Engel der Verkündigung: „Siehe, ich verkünde euch eine große Freude!“
Dieses kleine „Etwas“ ist ein Stück Treibholz, angeschwemmt an den Meeresstrand.
Wenn wir am Meer sitzen, und gegenüber der Krippe lädt die wohl geformte Bank aus Holz zum Verweilen ein, so packt uns doch die Sehnsucht – auf das Meer hinausschauend: Was gibt es hinter diesem schönen Blau des Meeresgrundes, was hinter den Wolken, was hinter unserer blauen Chorwand?
 den von der Krippe geholten Engel sprechen lassen
„Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.“
 Engel auf dem Ambo stehen lassen

Ein kleines Stück Treibholz bringt uns die gute Nachricht: geformt von der Wuchskraft aus der Erde, abgesägt vom Wurzelholz, abgehauen vom Baumstamm oder abgerissen vom Ast, von irgendwoher an den Strand gespült.
Dieses kleine angespülte Ding fiel einer Spaziergängerin ins Auge, es veranlasste sie, sich zu bücken und es aufzugreifen. Umgeformt von den Wellen des Meeres, hat dieses kleine Stück Holz durch eine gemeinsame Idee seine Bestimmung gefunden: Wir nehmen es an als Engel und hören die Verkündigung: „Heute ist euch der Retter geboren!“

Wie es diesem kleinen Stück Holz ergangen ist, so ergeht es vielen Mitmenschen vor den Weihnachtstagen. Sie wurden mitgerissen in den Konsumrausch, sie wurden hin- und hergetrieben von den Möglichkeiten, was noch fertig sein müsste und sie fanden keine wirkliche Adresse für ihre tiefe Sehnsucht, bei den Menschen und bei Gott wirklich anzukommen. Nun sind wir an den Strand des Heiligen Abends angetrieben worden und hier gelandet.

Nur ein Mensch reicht, der auch am Strand entlanggeht und uns im Anschauen erkennt. Wenn auch nur ein Mitmensch kommt und uns an der Hand nimmt und uns zum „Kind aller Kinder“ führt.

Entwurzelte, Ausgerissene und Abgetrennte finden beim Kind zu Betlehem ihre eigentliche Heimat, sie werden erkannt und bekommen ein neues Gesicht.
Ein Mitmensch „und mehr“ genügt, um wieder Verwurzelung zu schenken.
 bei „und mehr“ jeweils auf die Krippe zeigen
Ein Mitmensch „und mehr“ genügt, um wieder Integration zu schenken.
Ein Mitmensch „und mehr“ genügt, um wieder in Verbundenheit zu leben.

An der Krippe des Retters werden wir neu aufgestellt: „ausgezeichnet“ durch die Beschädigungen unserer Biographie, „eingekerbt“ durch die Verwundungen unseres Lebenslaufes, „eingedrückt“ durch die Ängste von Verlorenheit, sind wir neu aufgerichtet und aufgestellt und werden zu des Christkindes eigentlichen Verkündern: „Er ist der Messias – der Herr!“

Ja, Herr, unser Leben ist wie ein Stück Treibholz vor dir, doch du selbst hast uns angeschaut und je und je geliebt. In diesem Kind zu Betlehem hast du deine Verheißung erfüllt und bist aus deiner Unendlichkeit herausgekommen. Du hast den Globus mit seinen Meeren und Wäldern neu angebunden. Dafür sind wir unendlich dankbar, Herr.

Liebe Mitchristen, aus der Unendlichkeit Gottes ist dieses Kind unsere Anbindung und unser Aufgegriffensein durch Gott. Unser lebenslanges Ergriffensein davon zeigt sich in der Verwurzelung in der Liebe dieses göttlichen Kindes. Dementsprechend „erwachsen“ wir „wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, dem die Blätter nicht welken und der seine Frucht bringt zur rechten Zeit“ (vgl. Ps 1,3).
Ein vitaler Baum reinigt die Luft, spendet Sauerstoff zum Atmen, gibt Frostschutz, liefert Nahrung und wird zur Herberge für Tiere, die Vögel des Himmels und den Menschen.

Unser Weihnachtsbaum hier in der Kirche hat ganz oben keinen Schmuck. Der letzte Astquirl und der Terminaltrieb sind ohne zusätzlichen Schmuck, so wie die Wurzeln auch. Die eigentliche Tiefe und die Höhe des Wachstums sind in der Hand des Höchsten.
Christkönig zeigt mit seiner rechten ausgeführten Hand zur Baumspitze: Die Bäume sind eine Gabe des Höchsten, uns zur nachhaltigen Nutzung anvertraut.

Im nun zu Ende gehenden „Internationalen Jahr der Wälder“ müssen wir uns fragen lassen: Was haben wir daraus gemacht? Was ist aus den Ozeanen geworden? Was haben wir aus den Wäldermeeren gemacht?

Die Antwort werden die Wälder und Meere uns nicht schuldig bleiben. Die bildhafte Entsprechung von Baum und Mensch lässt uns erkennen: Wie es in den Wäldern aussieht, so sieht es in dir aus. Stirbt der Wald, so stirbt der Mensch – lebt der Baum, so lebst du auf! Ein Baum hört deine Stimme, und gibt sie als Echo zurück. Ein Baum denkt, indem er nach Gottes Willen wächst und nach Jahrhunderten zum Denkmal wird. Ein Baum tönt und gibt den Ton ab für die Schöpfung. Aus den Wäldern kommt die Botschaft für die Menschen, für uns, für die Menschheit. So viele Nadeln und Blätter anhaften, so unzählbar gut will Gott zu jedem Menschen sein. Das kommt in jeder Holzfaser zum Vorschein. Jede Maserung des hölzernen Futtertroges, in dem das Kind lag, gibt Kunde davon. Der unendliche, gute Gott will durch und in und mit diesem Kind zu Betlehem unendlich gut zu uns sein. Der Rohling Mensch wird gleichsam wie der Wertstoff Holz entweder geformt durch die Elemente dieser Welt oder bewusst „behauen“, in jedem Fall aber brauchbar durch die Umformung durch dieses Kind: Wir stehen an der Krippe und verkünden die Frohe Botschaft: Heute ist euch derjenige geboren, der das tote Holz lebendig macht!

Plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Herr: Verherrlicht ist Gott in der Höhe und Friede in den Tiefen der Erde den Menschen seiner Gnade!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

zurück