Predigt am Fest des Hl. Stephanus, Zweiter Weihnachtstag

Schwäbisch Hall- Gottwollshausen, 26. Dezember 2011


An Weihnachten ist viel von der Liebe Gottes die Rede. Was bedeutet denn „Liebe“ ganz lebenspraktisch?
Ich würde sagen: Liebe bedeutet Lebensmitteilung. Mitteilsamkeit ist praktische Liebe.
Wenn Eltern für ihr Kind da sind, dann teilen sie ihm alles mit, was sie sind und haben. Sie wohnen unter einem Dach, sitzen am gleichen Tisch und lassen das Kind am Lebens- und Arbeitsrhythmus teilhaben. So wird ein Kind geprägt durch seine Eltern.

Vor allem sind es die Stunden unbeschwerten Zusammenseins, die uns in Erinnerung bleiben. So hat auch der lebendige Gott diesen Weg gewählt, um in das Haus des Menschen zu kommen – als Kind, das auf seine Eltern angewiesen ist und mit ihnen zusammenlebt.

Diese sehr sympathische Vorgehensweise unseres Gottes ist unübertroffen anziehend. Beweis: Wir gehen an Weihnachten an die Krippe und spüren die Ankunft der Verheißungen Gottes: In diesem Kind zu Betlehem erneuert Gott seinen Bund mit den Menschen.

Ausgangspunkt dieser Erinnerung ist für uns Christen jedes Jahr das Weihnachtsfest. Wir feiern den Geburtstag Jesu von Nazaret. Wir feiern aber auch den eigenen Geburtstag. Es gibt dafür jedes Jahr 365 Chancen bzw. alle vier Jahre 366 Möglichkeiten. Das macht deutlich, dass wir eingeladen sind, den Geburtstag Jesu und den eigenen Geburtstag zusammen zu feiern. Er fällt symbolisch wirklich zusammen bei den Mitmenschen, die gestern Geburtstag hatten.

Dieses Zeichen gilt aber für alle Geburtstagskinder, dass sie ihren eigenen mit dem von Jesus verbinden. So lautete das Schlussgebet vom Weihnachtstag: „Barmherziger Gott, in dieser heiligen Feier hast du uns deinen Sohn geschenkt, der heute als Heiland der Welt geboren wurde. Durch ihn sind wir wiedergeboren zum göttlichen Leben, führe uns auch zur ewigen Herrlichkeit durch ihn, der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.“

In diesem Gebet kommt der eigentliche Sinn der Menschwerdung Gottes sehr ausdrucksstark zum Tragen: dass dieses Geschenk der Wiedergeburt zum göttlichen Leben niemand nehmen kann. Diese Einstellung begegnet uns beim Diakon Stephanus. Denn die Wiedergeburt bedeutet, dass unsere Namen, sprich: unser künftiges Leben, bei Gott hinterlegt sind. Von daher ist die Vision zu verstehen, die Stephanus im Augenblick seines Sterbens sieht. Er erkennt denjenigen, der unser Leben geteilt hat, zur Rechten Gottes, des Vaters, stehen und Stephanus kann sich als Geschenk hingeben zum Zeugnis für Christus, der sich ihm in dieser Vision zeigt.

„Führe uns auch zur ewigen Herrlichkeit durch ihn“, diese Bitte hat Gott im Leben und Sterben des Diakon Stephanus erhört. Die Konsequenz des Weihnachtsfestes empfängt durch Stephanus ein vollgültiges Beispiel. Seine Steinigung war einerseits schrecklich, aber vergessen wir nicht, Saulus war dabei. Ihn hat der Herr zum Paulus berufen, zum Missionar der Heidenwelt.

Das Zeugnis des Stephanus wurde also sogar zur Glaubensmitteilung für den Christenverfolger Saulus. In der Nachfolge Jesu Christi wird deutlich, dass auch das Sterbedatum zur Lebensmitteilung des lebendigen Gottes wird – bestätigt durch seine Zeugen. Die Hingabe beim Sterben wird zur Lebensmitteilung des Himmels. Die christliche Wiedergeburt, bewusst durch die Taufe vollzogen, integriert das Sterben in die je größere Lebensmitteilung der Liebe Gottes.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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