Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 1. Juli 2012


Erste Lesung:    Weish 1,13-15;2,23-24

Zweite Lesung:    Röm 14,7-9

Evangelium:    Mk 5,21-43


Goethe hat einmal so formuliert:
„Wär das Aug nicht sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?“
Also: Gottes eigne Kraft liegt in uns – aber vielleicht liegt sie brach!?

Ausgehend von dem, was Goethe vermutet, könnten wir doch sagen: Sind unsere Gemeindelandschaften nicht inzwischen wie ausgedehntes Brachland? Ökologisch gesehen wissen wir, wie wichtig das Brachfeld und der Brachacker sind. Es stand schon in der Zeitung, wie man beim Getreidesäen kleine Felder auslassen kann, um für die Feldlerche Brutplätze zu schaffen. Für eine gesunde Umwelt ist eine gute Mischung immer von Vorteil, eine Mischung von landwirtschaftlich genutzter Fläche und ökologischen Reservaten. Die Brachflur bietet den Vorteil, dass man beobachten kann, was ursprünglich wächst oder gewachsen ist, bevor das Land urbar gemacht wurde.

Von daher frage ich: Welche Kraft hat Gott als unser Schöpfer ursprünglich in uns hineingelegt? Ist es nicht das, was wir in der ersten Lesung gehört haben: „Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt“?

Ursprünglich ist alles ausgerichtet auf das bleibende Leben, das Sonnige wächst der Sonne entgegen.
So gesehen klingt das Bild von der religiösen Brachlandschaft gar nicht mehr so mangelhaft. Es kann doch sein, dass in der heutigen Zeit wieder das Ursprüngliche zum Vorschein kommt, das Gott in den Menschen hineingelegt hat!
Aber da ist ja der Neid des Teufels in die Welt gekommen, und der Neid des dazwischenwerfenden Zerstörers treibt sein Unwesen in der Welt und er vermaledeit die Schönheit des Geschaffenen. Die Missgunst des Neidischen vermag um sich zu greifen. Aber Gott überlässt seine Schöpfung nicht der Dynamik des Negativen.

Gott, der Vater, hat seinen geliebten Sohn gesandt und ihn in unser Herz gegeben: Das ist die Dynamik des Guten. Mit der Sendung des Sohnes beginnt die neue Schöpfung; sie erstreckt sich bis zu dem Zeitpunkt, an dem die vielen Tode überwunden sein werden. Damit die Wirklichkeit „des Reiches Christi und Gottes“ (Eph 5,5) um sich greift, dazu gibt es Gemeinde, dazu sind wir hier. Wir spüren es an unserer Berufung zum Leben, das bleibt.

Wie geht das?
Ich wandle das Goethe-Zitat einfach um:
Wär der Mensch nicht schon ursprünglich jesushaft,
Jesus selbst könnt er nie begegnen.
Läg nicht in uns des Sohnes eigne Kraft,
wie könnt in uns das Leben erstarken?
Die beiden Wundergeschichten offenbaren dies; und Petrus war dabei.

Die blutflüssige schwerkranke Frau „hatte von Jesus gehört“. Und das Jesushafte erwacht in ihr und sie drängt sich an ihn heran und erfährt wundersame Heilung. Die Aufregung Jesu legt sich schnell, denn er erkennt im Verhalten dieser Frau „die Zuarbeit“ des Vaters im Himmel. Deshalb gibt er anschließend sein Okay. Der Heiland bestätigt. Das gilt für die Kirche als Vorbild: Was „ohne Vorwarnung“ aus Glauben geschieht, kann sie bestätigen, denn der Heiland ist da und Petrus ist dabei.

Das Gleiche gilt für den Mesner des jüdischen Gotteshauses, den Synagogenvorsteher. Sein Glaube wird von Jesus bestätigt. Er sagt ihm auf den Kopf zu: „Glaube nur!“ Die Umstehenden verleitet dies zum Lachen. Da schickte er alle hinaus und nahm außer Petrus, Jakobus und Johannes „nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag. Er sagte zu ihm: Talita kum!“ Der Herr des Lebens, ja das Leben selbst, spricht das eingeschlafene Kind direkt an, so hört die Tochter auf die Stimme des Lebens; Jesus hat in dem Mädchen das, was ihm gehört, zum Leben aufgerufen. Jesu Stimme durchdringt alle Todeszonen.

Das gilt auch für unsere Gemeindelandschaften. Jesu Stimme ruft zur Auferstehung: Gemeinde, ich sage dir, steh auf!
Wir dürfen Jesus dazu bedrängen. Auch die Apostel haben es getan und sie tun es auf selige Weise bis heute. Zusammen mit den Seligen und Heiligen dürfen wir Jesus bedrängen und ihn aufgrund seiner Erlöserkompetenz beim Wort nehmen.

Ich habe keine Angst vor dem religiösen Brachland. Denn Gottes eigene Kraft wohnt darin. Ob hohe religiöse Kultur oder ursprüngliches Wachstum: Gott gibt die Kraft und alles wächst Christus entgegen, dem König, dem alles lebt.


Pfarrer Karl Enderle

 

zurück