Predigt am 17. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 29. Juli 2012


Kyrie-Rufe

Jesus Christus, fürsorgliche Gegenwart Gottes.

Jesus Christus, heilende Gegenwart Gottes.

Jesus Christus, sich mitteilende Gegenwart Gottes.


Evangelium: Joh 6,1-15

AnspracheTeilmittel als Heilmittel – Jesus ist das Lebensmittel“


Die einen sagen: Es reicht! Die andern sagen: Es reicht nicht! Die einen behaupten: Man muss die Zahl der Menschen begrenzen, damit es für alle reicht. Die andern behaupten: Es ist notwendig, Jesus zu den Menschen zu bringen, dann reicht alles für alle.


Liebe Mitchristen, wir müssen uns letztlich entscheiden, zu welcher „Fraktion“ wir gehören wollen. Ich meine, es ist vor allem richtig, noch entschiedener Christ zu sein! Denn wir haben ein Zeichen bekommen. Die wunderbare Brotvermehrung ist für uns das Zeichen der überfließenden Gnade Gottes, die nicht nur sättigt, sondern sogar noch so viel übrig lässt, dass man anderen davon abgeben kann.


Das „Brotwunder“ erinnert an den Auszug aus Ägypten, als Gott das Volk Israel mit Manna speiste. Und es deutet darauf hin, wie auch Jesus die Menschen mit nur wenigen Broten und Fischen dennoch satt macht. Aus kleinsten Vorräten erwächst eine schier unermessliche Fülle.


Der Grund für das Sattwerden des Volkes und das Noch-übrig-Sein für die Vielen ist Jesus selbst; seine Gegenwart sichert den Menschen den Reichtum Gottes. Der Reichtum Gottes, des Vaters, besteht darin, dass er in Jesus den Menschen das eigentliche Lebensmittel gegeben hat: Der geliebte Sohn ist Teilmittel und Heilmittel in einem und wird so zum eigentlichen Lebensmittel.

Damit das so bleibt, „liefert“ uns das Evangelium zugleich die Korrektur eines Missverständnisses. Die Leute wollten Jesus in ihre Gewalt bringen und ihn zum König machen. Sie wollten den Brötchengeber besitzen, um ihre Versorgung abzusichern. Das entsprach nicht dem Selbstverständnis Jesu.

Folglich zieht sich Jesus zurück in die Einsamkeit des Berges und entspricht damit dem Willen des himmlischen Vaters. Denn Gottes Wille ist es, dass die unerschöpfliche Fülle seines Reiches zu allen Menschen gelangt. Weil ihn die Menschen nicht verstehen, begibt sich Jesus in die alleinige Nähe zu Gott auf dem Berg. Dort ist „er allein“ bei Gott, seinem Vater.


Liebe Mitchristen! Was suchen wir, wenn wir im Urlaub in die Einsamkeit der Berge hochsteigen oder auf sonst eine Weise vor den Menschen flüchten, von denen wir selbst einer sind? Wir versuchen, zu uns selbst zu kommen und „abzuschalten“, um neue Kraft zu schöpfen. Woher kommt sie, wenn nicht aus unserer Verankerung in Gott?!


Das Reich Gottes wurzelt in uns und bindet uns an das Göttliche. Genau diese Verbindung gilt es je neu zu aktualisieren. Dazu brauche ich Mit-Menschen, die mit mir auf dem Weg sind und die Begegnung mit ihnen.

Denn in der Begegnung von Mensch zu Mensch wird nicht nur mein Menschsein aufgefrischt, sondern meine Religiosität sondiert und ausgelotet. Jede menschliche Begegnung ist ihrer Möglichkeit nach religionsoffen, d.h. sie öffnet sich auf – eigentlich – den Christus hin, der unerkannt oder erkannt mitten unter uns da ist. Doch manchmal entzieht er sich auch uns, weil auch wir auf die Sicherheit des Sattseins bauen und diese Sicherheit zum Teil politisch einfordern (lassen).


Genügt uns denn die Gewissheit – Gewissheit ist die Sicherheit des Glaubens –, dass Jesus da ist in unverbrüchlicher Treue? In Christi Gegenwart ist Gott für uns da, aber besitzen nach irdischen Maßstäben können wir ihn nicht.


Er ist dazu gekommen, um die Menschen auf die unbegrenzten und unvergänglichen Güter des Reiches Gottes aufmerksam zu machen. Dafür ist die Begebenheit der wunderbaren Brotvermehrung nur ein Beispiel. Seine Nähe, sein Dasein birgt alle Möglichkeiten Gottes. Auf diese Weise ist Jesus als Erlöser und Heiland zum eigentlichen Lebensmittel für die Welt geworden. Wenn er da ist, reicht es für alle. Deswegen soll unser Augenmerk darauf liegen, dass Jesus da ist. Deshalb versammeln wir uns regelmäßig als Gemeinde in seinem Namen, denn Jesus ist das Ursakrament in der Gemeindeversammlung vor Ort. So ist er mitten unter uns (vgl. Mt 18,20).


Daraufhin wird Jesus weiter gegenwärtig in der Verkündigung seines Wortes, eben auch in der Wort-Gottes-Feier. Erst danach ereignet sich seine Gegenwart in der Feier der Eucharistie. Auf dreifach gesteigerte Weise erfahren wir also Jesu Gegenwart. Das Wort Gottes bewirkt, was Gott will und durch die Heilige Kommunion wird unser Leben gewandelt, so dass der Mensch selbst für den Mitmenschen zum Lebensmittel wird, zum Heilen und Teilen.


Die vierte Art und Weise der Gegenwart Christi ergibt sich aus der grundsätzlichen Botschaft des Christentums, der Menschwerdung Gottes. Wir erkennen seine Gegenwart im hilfsbedürftigen Bruder und der hilfsbedürftigen Schwester.


Diese vierfache Steigerung der Gegenwart Christi ist menschlich und theologisch wichtig und macht Jesu Gegenwart in der Gemeinde „vollständig“ wirksam.

Es gibt also nie zu viel Menschen, sondern bis jetzt immer zu wenig, die als Menschen durch Jesus Christus für andere zum teilenden und heilenden Lebensmittel werden.

Pfarrer Karl Enderle

 

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