Predigt am Fest des heiligen Stephanus

Schwäbisch Hall, 26. Dezember 2009


Einführung zum Gottesdienst

Es ist kein Zufall, wenn die Kirche das Fest eines Blutzeugen gleich am Tag nach Weihnachten feiert. Sie drückt darin aus, was zur Grunderfahrung des Christentums gehört. Die Erfahrung der Kirche von Anfang an ist die Erfahrung ihres Herrn selbst. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,19).

Christus, das ewige Wort des Vaters, wurde Mensch, aber die Welt lehnt ihn ab.

Diese Ablehnung erfuhren und erfahren tagtäglich alle, die zu Christus gehören. Christlicher Glaube und christliches Zeugnis fordern immer auch den Widerspruch der Welt heraus. Das gelebte Zeugnis und seine Ablehnung – man könnte auch sagen: das Gloria der Weihnachtsnacht und der Aufschrei Jesu am Kreuz – sind die zwei Seiten christlicher Existenz.

Von daher stellt der Stephanustag uns Christen vor die Frage: Wie ist es um mein persönliches Glaubenszeugnis bestellt? Vermag das menschgewordene Wort Gottes meinem Leben den entscheidenden roten Faden zu geben – von der Wiege bis zum Grab?

 

Predigt

In einer mittelalterlichen Kathedrale ist auf einem Glasfenster die Geburt Jesu dargestellt: Das Kind liegt in einem Körbchen aus spitzen Dornen. Was der Künstler dadurch ausdrücken wollte, ist das Gleiche, was wir bedenken, wenn wir das Fest des Blutzeugen Stephanus in unmittelbarer Nähe von Weihnachten begehen. Das Schicksal des menschgewordenen Gottessohnes ist das Schicksal seiner Jünger, ist das Schicksal seiner Kirche. Wo christlicher Glaube wirklich gelebt wird, wo der Mensch niederkniet vor dem Kind in der Krippe und damit deutlich macht, dass er sein Glück, seinen Lebenssinn und sein Lebensziel nicht von sich allein erhofft, sondern vom menschgewordenen Wort Gottes, da sind wir tatsächlich der Gefahr ausgesetzt, missverstanden, belächelt oder sogar verachtet zu werden.

 

Rot ist die Farbe des Blutes und deswegen die Farbe der Liebe. Echte und lebensspendende Liebe geht bis aufs Blut: „Bis aufs Blut, kein Weg zu weit, um der Freiheit nah zu sein, Grenzen ohne Sinn hindern, was ich bin.“ So heißt es in einem modernen Song. Er war das Lieblingslied einer jungen Motorradfahrerin, die tödlich verunglückte. Dieses Lied drückt eine ewig junge Sehnsucht von uns Menschen aus, bis aufs Blut geliebt zu sein.

 

Diese Sehnsucht ist für einen jeden von uns eigentlich in Erfüllung gegangen. Bei manchen Krippendarstellungen gibt es einen Engel, der trägt in seinen Händen den Kelch. Wir alle wissen, was das bedeutet: Leiden und Kreuz für das Kind, das noch in der Krippe liegt. Aber das alles ist schon geschehen für uns: Gottes Wort bewirkt, was Gott will! Wir sind bis aufs Blut geliebt und bis aufs Blut erlöst. Dieses Kind in der Krippe ist der Messias, der Retter, der Erlöser und Heiland der Welt!

 

Wenn wir in diesen Tagen so oft an die Krippe herantreten, was möchten wir Jesus geben? Was will das Kind in der Krippe von uns?

Will es unsere Zeit, die wir nicht vermehren, nur einteilen können?

Will es unser Geld, das wir mühsam verdient haben?

Will es unsere Leistungen, was wir alles fertig bringen, wenn’s drauf ankommt?

Will es unsere Schokoladenseiten sehen?

 

Mein Herz will ich ihm schenken, und alles, was ich hab“ (GL 140,2). Kaum jemand von uns wird das noch nicht gesungen haben im Verlauf dieser Festtage. Weihnachten kann erst werden in unserem ganzen Leben, wenn das Wirklichkeit wird: „Mein Herz will ich ihm schenken.“

Das war die innere Absicht des Stephanus: Für ihn führte sie in letzter Konsequenz dazu, bis aufs Blut sein Leben im Glauben hinzugeben.

 

Die meisten von uns werden nicht als Märtyrer sterben! Das auf Dornen gebettete Kind und der Blick auf den Engel mit dem Kelch machen aber auch uns auf den Ernst der Lage aufmerksam: Was soll in unserem Leben der rote Faden sein? Nur ein roter Faden vermag unserem Leben wirklich die Richtung zu geben. Und es muss ein roter Faden bis zum Abschluss unseres Lebens sein – wie bei Stephanus!

 

Das Wort, das ich aussende, bewirkt, was ich will!“ (Jes 55,11). Im Angesicht des unbändigen Hasses seiner Gegner hat Stephanus den Mut und die Kraft, sein Haupt zu erheben. In der Treue zum Wort Gottes sieht er den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Das Wort des Herrn, dass der gerettet wird, der bis zum Ende standhaft bleibt, ist an Stephanus lebendige Wahrheit geworden. Ungezählte Menschen haben bis auf den heutigen Tag die Wahrheit dieses Wortes in ihrem Leben und Sterben erfahren. Sie haben die Kraft empfangen, aus dem Glauben an das Wort des Herrn zu leben und zu sterben.

 

Damit haben wir auch die Antwort auf unsere Frage. Was will Gott durch das Kind in der Krippe von uns? Es ist die Treue, die Treue zu seinem Wort. Gott will nicht unsere Leistungen und das alles, Gott will vor allem unsere Treue!

 

Gott will unsere Treue zu seinem Wort, das er uns in unverbrüchlicher Treue gegeben hat, dann verzeiht er uns viel und erspart uns vieles.

Die Treue zum menschgewordenen Wort Gottes soll wie ein roter Faden unser ganzes Leben durchziehen. Beide Tage, gestern und heute, der erste Weihnachtstag und der Stephanustag, wollen ganz tief in unser Bewusstsein legen:

Mensch, hab Mut zu deinem Glauben, denn er lebt aus der Kraft von Gottes Wort;

hab Mut zu deinem Leben, denn es liegt ganz in der Hand Gottes;

hab Mut zu deiner Liebe, denn du liegst Gott am Herzen.

Mensch, freue dich, denn der Himmel steht dir offen!


 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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