Predigt am Hochfest der Gottesmutter Maria, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 1. Januar 2012


Erste Lesung:    Num 6,22-27
Zweite Lesung:    Gal 4,4-7
Evangelium:    Lk 2,16-21

Erbe durch Gott


Zusätzlich zu dem, was den Hirten über das Kind gesagt worden war, haben wir in der zweiten Lesung gehört, was der Apostel Paulus über das Kind zu uns sagt: dass wir nicht mehr Sklaven sind.
Tatsächlich fühlt sich niemand von uns noch als unterwürfiger Untertan, dieser Lebensstand des Sklaven dient als Kontrast zum Bild des Sohnes. Der Apostel Paulus will damit unseren Status bei und vor Gott deutlich machen.

Wir sind von Gott für Gott freigekauft. Mit jedem Kreuz, mit jeder Kreuzesdarstellung sind wir an den Kaufpreis für unsere Erlösung erinnert. Das ist der Kaufpreis für unsere Erlösung: die Erlösungstat Gottes am Kreuz – bei aller Grausamkeit, die uns dabei in den Sinn kommen mag.

Gleichzeitig ist es wichtig, sich an ein diesbezüglich überaus wichtiges Wort im Johannes-Evangelium zu erinnern und es zu bedenken: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30). Wir sind erlöst aus der Knechtschaft. Wir sind freigekauft. Wir haben die Sohnschaft erlangt. Die „Tür“ ist aufgetan. Im Heiligen Geist können wir Gott als Vater anreden. Wir sind zu Erben dessen geworden, was Gott uns bereitet.

Das neue Jahr mit seinen 366 Tagen ist ein Geschenk aus den Schatzkammern Gottes; davon erleben wir heute den ersten Tag.

Dass wir leben und diesen Tag heute erleben, dafür hat der lebendige Gott seine Investition vollbracht. Symbolisch für alle Tage dieses Jahres ist heute „Investitur“, das heißt, wir sind eingekleidet durch die Erlösungstat Christi. Das Kleid eines Baumes ist die Rinde. Ohne Rinde stirbt ein Baum ab. Verletzen wir die Rinde eines Baumes, geht er ein.
Genauso gehen wir ein und leben ab ohne diese Ausflucht zum Kreuz Christi. Realistisch gesehen, wird es auch im kommenden Jahr Gelegenheiten geben, komplett zu versagen. Dann suchen wir Ausreden zur Entschuldigung. Unsere eigentliche Entschuldigung erhalten wir durch das Kreuz Christi. Das ist die eigentliche „Schatzkammer“ für uns, damit wir die Erbschaft antreten können. Zugeteilt wird sie nur durch Gott selbst, der alle Umstände unseres Lebens kennt und darum weiß.

Halten wir einmal kurz inne – im Blick auf das Kreuz: Wem gönne ich jetzt besonders von Herzen das Erbe durch Gott?

Der Herrgott öffnet seine Schatzkammern für alle Tage des neuen Jahres, für alle Tage eines Menschenlebens. Die Erbschaft bei Gott ist Fluchtpunkt für alle, die auf Erden keinen Ausweg mehr gesehen haben. Die Erbschaft bei Gott ist Fluchtpunkt für alle, die auf Erden keine Aufnahme finden konnten. Das Erbe beim himmlischen Vater ist Fluchtpunkt für alle, die in der Heiligen Stadt geliebte Mitmenschen wissen.

Was der Apostel Paulus über das Kind sagt, ist auch Trost, dass es eine „Tür“ gibt, hinter der die Dinge geklärt werden in dem Licht, das über dem Kind aufgegangen ist. Auch wenn man sich auf Erden nur einmal begegnet oder nur einmal sieht: Der Lebensweg des Kindes zu Betlehem gibt uns die sichere Gewissheit. Auf Erden sieht man sich immer ein vorletztes Mal. Denn die Frohe Botschaft fürs Neue Jahr 2012 gilt unwiderruflich: Du bist Erbe durch Gott!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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