Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 15. Januar 2012


Erste Lesung:    1 Sam 3,3b-10.19
Evangelium:    Joh 1,35-42


Es gibt bei der Eucharistiefeier ganz unterschiedliche wichtige Gesichtspunkte. Zurzeit ist einer davon mir ganz wichtig geworden. Der Moment, in dem ich die zwei Hälften der auseinander gebrochenen großen Hostie „demonstriere“, d.h. der Gemeinde hinhalte und die bekannten Worte spreche: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.“
Ich überlege mir dabei manchmal, ob ich wache oder träume. Es sind doch so gewichtige Worte, dass wir sie in ihrer Bedeutung nur unzureichend erfassen. Wir antworten gewöhnlich: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Mit diesem Satz haben wir annäherungsweise eine Lösung gefunden, diesem „Geheimnis des Glaubens“ zu begegnen.

Das „Lamm Gottes“ ist der entscheidende Hinblick und Durchblick auf Gott hin. Es ist der entscheidende Gesichtspunkt, der bleibt; denn er ist der Ausgangspunkt und Zielpunkt unseres Glaubensweges.
Es ist doch wohl kein Zufall, dass Johannes der Täufer mit diesen Worten zur Nachfolge einlädt. Jesus geht vorüber und Johannes sagt: „Seht, das Lamm Gottes!“ Das Hören auf die Stimme des Johannes wurde in diesem Augenblick für die beiden Jünger nachfolgeentscheidend. Sie wollen dann wissen, wo „der Rabbi“ wohnt. Jesus antwortet: „Kommt und seht!“

Liebe Mitchristen! Auch wir sind gekommen, um zu sehen. Wir wollen fernsehen, nahsehen und mehrsehen. Unser Auge sucht die „Sättigung“. Von den Beobachtungen dieser Welt wird allerdings das Auge nicht wirklich satt. Allein durch den Blick auf Jesus bekommen wir die „Sättigung“. Von daher ist es notwendig, beim Lamm Gottes zu bleiben, denn auch unser Fehlverhalten braucht die „Absättigung“ und die „Abstillung“.

Auf unserem Lebensweg geraten wir vielfach in Schuld und in Schuldigkeiten. Oft stellen wir einen Unterschied fest: So hätte es sein können – und so ist es tatsächlich geworden. Wer „gleicht“ das aus – damit die Sache des Reiches Gottes weitergeht, damit das Leben wieder die Oberhand gewinnt?
Antwort: Der „Ausgleich“ ist das Lamm!

„Seht, das Lamm Gottes!“ Diesen Hinweis gibt Johannes der Täufer am Beginn der Nachfolge. Im Zeugnis dieses Wortes überreicht sozusagen Johannes der Täufer sein Lebenswerk an Jesus, den Christus. Er wird damit als Grund unseres Lebens offenbar. Gott der Vater hat seinen Sohn gesandt zur Rettung der Welt. Das Werk Gottes selbst wird damit zur tragenden Voraussetzung für das Risiko menschlichen Lebens überhaupt.

Das Leben ist ein Wagnis, noch viel mehr die Nachfolge Jesu; wir brauchen ein „Vorauspfand“ für Leben und Glauben. Wir brauchen die „Verunschuldigung bei Verunglückung und Verunfallung“. Denn: Ist etwas Schlimmes passiert, dann suchen wir nach Ursachen und erfinden Schuldigkeiten. Innerhalb des Kreislaufs der Weitergabe von Schuld muss es einen geben, der alle Schuld auf sich nimmt, der diesen tödlichen Kreislauf unterbricht und zum Stillstand bringt, so dass für das Leben freigegeben ist.

Diese Stillung der Schuldigkeiten hat Christus fertiggebracht. Das ist sein Lebenswerk und sozusagen sein Testament. In der Verbindung mit ihm können wir die Schuld bei uns stehen lassen. Wir können und dürfen weiterleben, trotzdem wir Schuld haben und schuld sind. Überweisen wir unsere Schuld und unsere Schuldigkeiten an ihn, den Stiller unseres Haders. Christus löst unseren Schuldschein bei Gott ein.

Der unschuldige Sohn Gottes erlöst den schuldigen Menschen. Gott selbst löst vollkommene Schuld ab durch vollkommene Unschuld: durch das Lamm, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Also brauchen wir dieses Vorauspfand Gottes für unser Leben und unseren Glauben überhaupt. Durch das Lamm Gottes sind wir freigesprochen und freigekauft und immer wieder neu fürs Leben freigegeben.

Richten wir also unser Schauen auf das Lamm, es ist zugleich wesentlich der Blick nach vorne in die Zukunft. Gott will, dass wir in die Zukunft kommen, denn die Zukunft ist größer als die Vergangenheit. Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, öffnet uns dafür wunderbare Fenster:
„Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen“ (Offb 7,9).
„Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“ (Offb 7,17) und
„Sie folgen dem Lamm, wohin es geht“ (Offb 14,4).
Das unbetretbare Land der Ewigkeit wird dadurch trittfest und bekommt seine Ausrichtung. Von daher wird als Frohbotschaft deutlich: Wenn wir zu Christus gehören und wenn die Gaben Gottes unwiderruflich sind – und das ist der Fall, das ist unser Glaube – dann ist das Lamm Gottes der Fall für alle Fälle unseres Lebens und der Welt!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

zurück