Predigt am 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 29. Januar 2012


Lesung:        1 Kor 7,32-35
Evangelium:    Mk 1,21-28


Der stressfreie Raum in Christus

Normalerweise brauchen wir schon ein bisschen Stress, sonst fühlen wir uns auch nicht richtig beansprucht. Einen gewissen Druck braucht jeder. Gäbe es nicht die letzte Minute, blieben viele Termine unerledigt.
Aber es gibt auch starke Stress-Situationen, zum Beispiel wenn wir zu etwas gezwungen werden. Großen Stress verursachen wir selber, wenn wir meinen, etwas zu 100 % perfekt machen zu müssen. Das ist nicht menschlich. Das menschlich Schöne ist das Nicht-Perfekte.

Ein weiteres Beispiel: Den größten Stress erleben wir dann, wenn wir uns einer Situation hilflos ausgeliefert sehen, wenn wir an einer Situation nichts ändern können, wenn wir einem negativen Umstand sprichwörtlich machtlos vis-à-vis stehen.
Wir wären tatsächlich den verschiedenen Mächten dieser Welt hilflos ausgeliefert, wenn da nicht Jesus aufgetreten wäre.

Wir haben Jesu Auftritt in der Synagoge in Kafarnaum geschildert bekommen. Sein göttlich-vollmächtiges Wort machte sehr betroffen. Wie sein Wort innerlich wirkte, sah man den Gesichtern äußerlich an. Jesu Wort betrifft den ganzen Menschen, es erreicht die Tiefe des menschlichen Herzens und will es erfüllen. Es vertreibt alles, was nicht Gottes ist. Deshalb wurde der Besessene von seiner Besessenheit befreit.

Vergleichen wir einmal das menschliche Herz mit dem Bild des Meeres. In der „Meerestiefe“ des menschlichen Herzens wird das Wort Gottes als solches erkannt. Die Besessenheit schwimmt an der Oberfläche wie ein dicker Ölteppich, der das Leben verhindert. Hat aber das Wort Gottes die Tiefe des menschlichen Herzens erreicht und ist es wirkmächtig angekommen, bewirkt es das Hinauswerfen jedweder fremden Besatzung. Jesu Wort wirft die fremde Besatzung des menschlichen Herzens in hohem Bogen hinaus.

Wir kommen in den Gottesdienst und suchen die Nähe Jesu und damit den Wirkbereich des göttlichen Wortes, damit wir frei bleiben von jedweder Macht, die sich unseres Herzens bemächtigen will.

Dadurch, dass Gott seinen Sohn in unsere Welt gesandt hat, hat er uns damit einen „stressfreien Raum“ gegeben. Wir sind erlöst und befreit vom Grundstress, uns negativen Gedanken und Gefühlen hilflos ausgeliefert vorzukommen. Wenn derjenige sich um uns kümmert, welcher der Gute Hirte genannt wird und dessen Befehl sogar die unreinen Geister gehorchen, dann haben wir gewonnen! Es wird offenbar: Der Gute Hirte ist der Herr von innen und außen, wer ihm folgt, auf ihn hört und ihm gehört, dessen Leben wird gut. Und das Gutsein Gottes baut auf dem auf, was menschlich unzulänglich ist. Wenn wir uns unzulänglich vorkommen, kann Gott immer noch etwas mit uns anfangen. Wenn wir Gott unzulänglich erkennen, so sind doch wir von ihm vollkommen erkannt. Das ist das wirklich Perfekte, über das wir uns freuen dürfen. Die Wahrheit, dass wir von Gott selbst durch Christus angeschaut und angesprochen sind, soll unser Herz erfüllen.

Gottes Allmacht macht etwas aus uns, denn sie ist wesentlich verbunden mit seinem All-Gutsein. Deswegen sind wir überzeugt, dass Gott allmächtig und allgütig ist.
Wie aber Gott seine Allmacht einsetzt, das ist seine Sache. Unsere Sache ist: Wenn uns Christus in die Tiefe unseres Herzens gegeben ist, dann wird unser Leben frei für unseren Herrn. Er weiß, uns auf gute und sogar sehr gute Weide zu führen. Sein Wort wird uns zur Nahrung und bewirkt Wachstum im Glauben. Es wird uns möglich, egal ob verheiratet oder unverheiratet, Gott mit ungeteiltem Herzen anzubeten. Darauf wird Christus, das lebendige Wort Gottes in uns, achten.
In dieser Hinsicht ist es sehr entlastend und schön, Christ zu sein und als Christ in dieser Welt zu leben. Christi Stärke ist unsere Ich-Kraft. Durch ihn sind wir gegen feindliche Mächte gefeit, die unser Herz besetzen wollen.

Gottes Sohn hat uns befreit zum eigentlichen Leben: Das ist der wirklich stressfreie Raum, der uns aufblühen lässt für Gott und füreinander.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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