Predigt am Zweiten Sonntag der Österlichen Bußzeit, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 4. März 2012


Lesung:        Röm 8,31b-34
Evangelium:    Mk 9,2-10


Kommunion durch das Auge des Glaubens


Liebe Mitchristen!

Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. Ist das nun eine große Armut oder ein großer Reichtum: nur Jesus, ausschließlich Jesus oder vor allem Jesus?!

Der Evangelist Markus macht am Schluss seiner Erzählung vom Berg der Verklärung das Fenster wieder zu. Abrupt wird die Schau beendet. Aber das macht nichts. Das Entscheidende über Jesus ist ja durch die Stimme aus der Wolke, durch die Stimme des Vaters ausgesagt. Jesus ist „die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen. Er steht zu Gott im herausgehobenen Verhältnis des Sohnes zum Vater. Auf ihm ruht Gottes Wohlgefallen, Gott hat ihm sein Wort in den Mund gelegt.… Der Verklärte ist als der geliebte Sohn der vom Gesetz und den Propheten verheißene eschatologische Prophet, der jetzt Gottes Wort spricht und vollendet, so dass ihm Hingabe und Gehorsam gebühren.“1 Soweit ganz dicht zusammengefasst aus einem Kommentar zum Markus-Evangelium.

Bleiben wir dabei: Nach dem Fernsehen in die Herrlichkeit Jesu hinein ist jetzt wieder das Nahsehen angesagt. Zur Fernsicht gehört die Nahsicht und vielleicht auch dann die Nachsicht, falls jemand die Spuren Jesu übersehen sollte. Es ist angebracht, die Spuren Jesu aus der Nähe zu betrachten oder Jesu Nahsein durch seine Spuren wahrzunehmen und dann Mitmenschen darauf aufmerksam zu machen.

Nehmen wir zum Spurenlesen einen mexikanischen Schriftsteller zu Hilfe: Oktavio Paz. Er hat geschrieben über die Ureinwohner seiner Heimat. Ich wähle diesen Ausflug, um nachzuweisen, dass ursprüngliche existentielle und religiöse Gedanken jedem Menschen innewohnen.
„Oktavio Paz: Die Schamanen in Mexiko sagen: Es gibt so etwas wie Pausen in der Zeit, in denen auf geheimnisvolle Weise die Welt wie angehalten erscheint. Was einer in diesen Pausen der Zeit hört und sieht, hebt die gewohnten Ansichten und Urteile über die Wirklichkeit auf, um sie danach – und das ist entscheidend – in einem neuen Licht zu sehen. Nicht um Entrückung geht es, sondern darum, dass die eine Wirklichkeit die andere deutet und sehen lässt. Wenn also die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt scheinen – Jesus mit Mose und Elija im trauten Gespräch, alles in glänzendes Licht getaucht und von der Gottesstimme begleitet –, geht es nicht ums Hüttenbauen oder ums Festhalten oder Flüchten in eine weltfremde Wirklichkeit. Nein, die biblische Botschaft ist immer Wort und Geschichte für Hier und Jetzt. Was wir lernen sollen ist das, was Octavio Paz den „ursprünglichen Blick“ nennt: die Fähigkeit, den, der sieht, mit dem zu vereinen, was er sieht. ‚Aber das andere Leben ist hier. Ja, dort ist hier, die andere Wirklichkeit ist die Welt aller Tage.’
Das Evangelium lädt uns ein zu einer Pause der Zeit, in der wir mit dem „ursprünglichen Blick“ auf Jesus schauen, auf Elija, Mose, Petrus, Jakobus, Johannes, die wir uns aus gegenwärtiger Sicht selbst im Licht vorstellen können. Wir schauen in einem Moment Vergangenheit und Zukunft in einem. Aber diese Verbindung will gelebt werden in der Gegenwart, im Alltag dieser Welt, dort, wo Gott und seine Botschaft immer ankommen wollen.“

Liebe Mitchristen!

Der Gedanke vom ursprünglichen Blick fasziniert mich: Wer hat die Macht, den Seher mit dem Gesehenen zu vereinen? Für uns Christen ist der Gesehene: Jesus, der Christus; er ist der von uns Angeschaute und Betrachtete.
Umgekehrt sind wir die von Jesus Angesehenen. Diese Schau der Beziehung ist zeitlos.
Wir erkennen in Jesus den von den Toten auferstandenen zeitlosen Erlöser, der sich uns im Schauen auf ihn offenbart.

Wer das Ziel im Auge behält, kommt auch dort an. Wenn wir unverwandt auf Jesus schauen, und darin treu bleiben, werden wir auch im Ziel ankommen, das ist Jesus selbst in der Herrlichkeit des Vaters.
Und Gott, der Vater, wird unseren ursprünglichen Blick belohnen, denn allein Gott hat die Macht, uns Christen, die wir Sehende sind, mit Christus zu vereinen, den wir sehen, bzw. der uns sein Ansehen schenkt. So könnte ich mir auch folgende Formulierung vorstellen: Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr schauen!

Dieses Ausschauen nach ihm und dieses Ansehen von ihm wollen wir erstreben und uns danach ausstrecken, denn das bringt die Erfüllung. Gottes Ansehen durch Jesus, den Christus macht uns gerecht. Gott schaut uns in Jesus Christus voller Liebe an. In diesem Ansehen sind wir gut „aufgehoben“. Das ist die konkrete Umsetzung des Wortes aus der Lesung: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“
Auch wenn der Alltag uns nüchtern erscheint, so ist doch Jesus immer in Reichweite zu sehen – durch eine Kreuzesdarstellung, durch ein entsprechendes Jesusbildnis, durch die Sakramente, durch andere Zeichen, z.B. den Fisch, und letztlich auch durch dich und mich.
Jesus Christus in den verschiedenen Formen seiner verborgenen Gegenwart ist für die jeweiligen Kinder ihrer Zeit, also auch für uns, der zeitlose Ausgangspunkt für das bleibende Bei-Gott-sein.

Machen wir die Augen auf für Jesu Nähe, er ist der große Schatz des Alltags!


Pfarrer Karl Enderle

 

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