Predigt am Dritten Sonntag der Österlichen Bußzeit, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 11. März 2012


Erste Lesung:    Ex 20,1-3.7-8.12-17
Zweite Lesung:    1 Kor 1,22-25
Evangelium:    Joh 2,13-25


Bei einer Bürgerversammlung im Vorfeld der Wahl des Oberbürgermeisters kam dies und jenes zur Sprache, also verschiedene und ganz unterschiedliche Belange. Schließlich meinte derjenige, welcher mit der Gesprächsleitung beauftragt war: Wissen Sie, wir haben eben nicht nur eine Person für alle Sachfragen.
Nun, liebe Mitchristen, man hatte den Eindruck, das wäre den Leuten schon am liebsten, eine Ansprechperson für alle Sachfragen.

Für den religiösen Bereich haben wir diese Vereinfachung gehört. Die drei Lesungen führen uns dies vor Augen: Der Ausführlichkeit der 10 Gebote im Buch Exodus folgt in der zweiten Lesung die Aussage: Wir verkündigen euch Jesus Christus als den Gekreuzigten. Er ist für die Berufenen Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Punkt!
Er ist der Dreh- und Angelpunkt: Jesus, der Christus. Das törichte Ereignis seiner Kreuzigung ist immer noch mehr Weisheit als jegliche menschliche.

Das Törichte an Gott ist nun, dass er – sage und schreibe! – den menschlichen Leib zu seinem Tempel gemacht hat. Diese Tat Gottes wurde von Jesus Christus vollbracht, denn allein dieser wusste, „was im Menschen ist“.
„Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“, sagte Jesus. „Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte“, und erzählten es weiter und schrieben es auf.
Jesus also hat den menschlichen Leib zum Tempel Gottes gemacht. Das ist eine einfache und zugleich hoheitliche Aussage von großer Tragweite. Das heutige Evangelium schließt mit den Worten: „Jesus wusste, was im Menschen ist“.

Wir wissen es nicht. Wir wissen es oft nicht, was in einem Menschen vorgeht. Deswegen kann Jesus Christus allein der Erlöser aller Menschen sein. Er hat sich kreuzigen lassen, obwohl er wusste, was im Menschen ist. Er hat sich an das Holz des Kreuzes heften lassen, gerade weil er wusste, was in einem Menschen sein kann.
Und weil er alles angenommen hat und mit aufs Kreuz hochgetragen hat, können wir ihn annehmen und akzeptieren als den einen kompetenten Ansprechpartner für alles, was sich zwischen Himmel und Erde „abspielt“. Schließlich hing er ja am Kreuz zwischen Himmel und Erde und hat die beiden Getrennten wieder miteinander verbunden, und zwar auf intensivere Weise als vorher.

Auf den Punkt gebracht ist Christus uns allen jetzt als das eine göttliche Gegenüber gegeben, freilich in göttlich-hoheitlicher Verborgenheit, aber dennoch eben als Person. Er bringt unsere Fragen ins Licht der Verklärung. Mit ihm können wir reden über alles. Ihm können wir alles sagen. Er ist kompetent in Fragen der Auferstehung. Deswegen muss es auch stille Anbetung geben und nicht nur Veranstaltungen; denn in der „ausgesetzten“ stillen Anbetung vermögen wir auch die Antworten zu vernehmen.

Zugleich „schafft“ der Erlöser am Kreuz eben auch die Verbindung der Menschen untereinander. Er ist zum Bund Gottes von Mensch zu Mensch geworden. Schauen wir auf seine ausgebreiteten Arme. Geben wir dem anderen Menschen die Hand, verlängern wir den Arm Jesu. Eigentlich können es vom Kreuz Jesu her nur die ausgestreckten Hände und Arme, also durch uns verlängerten Arme und Hände Jesu sein, welche Liebe, Frieden und Gerechtigkeit ausgeben. „Selig die Arme“ der Menschen, die solches freiwillig uns aus ganzem Herzen tun. Dadurch leisten wir einen entscheidenden Beitrag zur Wandlung der Umwelt in mehr Lebensqualität, wenn wir das Bild Christi in jedem Menschen sehen. Denn der Fokus auf dem Christus bleibt nicht dort stehen; er wandert zum Nächsten, das Tun der Nächstenliebe wandelt uns selbst (unser Selbstsein) und er eröffnet auf der gleichen Ebene den Blick für eine naturnahe Umwelt, also für die ökologischen Belange.

Der Fokus auf den alleinigen kompetenten Ansprechpartner zwischen oder auch für Himmel und Erde wandert gottgewollt auf jeden einzelnen Menschen, damit Christus sich in ihnen auspräge.

Wenn wir Menschen uns selbst oder auch einander fragwürdig vorkommen, so ist das unbedingte Ja des Christus zum Menschen doch keine Frage! Und wir können beten:
Jesus, du weißt, was in diesem Menschen ist,
Jesus, ja, du weißt, was in diesem Menschen vor sich gegangen ist.
So gib uns neues Licht aus deiner seligen Auferstehung,
in welche du die Menschen durch das Testament deines Kreuzes berufen hast.

Ja, ich möchte sogar wagen zu sagen:
Gott, gib uns neues Licht aufgrund deiner Torheit.


Pfarrer Karl Enderle

 

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