Predigt am Vierten Sonntag der Österlichen Bußzeit, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 18. März 2012


Lesung:        Eph 2,4-10
Evangelium:    Joh 3,14-21

In die Lichtung Gottes kommen


Liebe Mitchristen!

Wer ist eigentlich zu Fuß hierher in die Kirche gekommen? Bitte zeigen Sie es mal durch Handzeichen… Wenn dies möglich ist, ist der gemeinsame Fußweg eine wunderbare Einstimmung auf den Gottesdienst.
Aber vielfach sind wir mit dem Auto unterwegs.
Angenommen, Sie fahren von Michelfeld nach Michelbach über Schwäbisch Hall-Hessental mit dem Auto. Das ist eine relativ kurze Strecke. Zählen Sie mal die Anzahl der Autos, die sich gleichzeitig auf der Straße befinden – vor Ihnen, hinter Ihnen sowie alle entgegenkommenden. Außerdem sitzt in jedem Auto ja mindestens eine Person, die wir zumeist nicht kennen.
Und wenn wir 10-mal am Tag diese Strecke zurücklegen würden – es wären jedes Mal eine andere Anzahl und andere Fahrer/innen. Autofahren, das kann eine Tat sein, die in Gott vollbracht ist.
Oder wir tippen einen Brief in den Computer. Unter „Datei – Eigenschaften“ finden wir die Anzahl der Buchstaben inklusive der Leerstellen. Diese Statistik ist nicht so wichtig, Hauptsache ist, was im Brief drinsteht, denn er kann eine Tat sein, die in Gott vollbracht ist.
Oder nehmen wir den Installateur, der das Badezimmer neu ausgefugt hat, oder den Bildhauer, der aus dem groben Klotz eine Statue herausgeholt hat oder das Kind, das eine Frühlingswiese mit lauter farbigen Punkten gemalt hat – wie viel Handstreiche waren notwendig, wer hat sie gezählt?!
Vollbringen wir täglich auf diese Weise Gottes Taten?
Oder wir schauen in die Zeitung! Von welchen Taten lesen wir da? Sind es mehr negative oder mehr positive? Welche Taten sind in Gott vollbracht? Woher sollen wir das wissen?

Eines ist sicher: Gott weiß es. Gott weiß alles! Er weiß, wie viel Knospen an jedem Zweiglein sprossen, wie viel Ameisen im Wald jetzt anfangen zu krabbeln und er kennt die Zahl der Sterne im Kosmos. – Aber innerhalb dieser wunderbaren Umgebung kommt es darauf an, dass unsere Taten in Gott vollbracht sind.

Nach der Tag- und Nachtgleiche, welche den Frühlingsanfang ausmacht (am kommenden Dienstag, 20.3.2012) nimmt bekanntlich das Licht zu, die Tage werden „länger“. Das ist ein Bild für Christus.
Denn „das Licht kam in die Welt“, damit dieses Licht bleibe und zunehme. Wenn wir uns aufmachen und die Begegnung mit Jesus Christus suchen, z.B. in diesem Gottesdienst, begeben wir uns in eine „Lichtung“! Wir gehen aus der Dunkelheit ans Licht und ins Licht! Mit mehr Licht können wir besser sehen.

Folglich können wir auch unsere Taten „belichten“ lassen. Lassen wir doch das Licht Christi in all unser Tun hineinscheinen. Kommen wir doch mit unserem ganzen Leben ans Licht, damit wir die entscheidenden Details erkennen! Dann brauchen wir uns vor keinem Blitzlicht zu fürchten!

Manchmal haben Leute, die im Blitzlichtgewitter stehen, nicht damit gerechnet, dass ihre Taten aufgedeckt werden. Solche Menschen haben leider nicht mit Gott gerechnet, der bewirkt, dass schließlich doch alles ans Licht kommt. Wer nicht mit Gott rechnet, der das Licht ist (vgl. 1 Joh 1,5), lebt im Schatten. Die Steigerung von Schatten ist „schattiger“ und schließlich „Dunkelheit“!

Liebe Mitchristen, am heutigen 4. Fastensonntag sind wir eingeladen, im Hinblick auf das zunehmende Osterlicht noch mehr das Kommende zu erwarten. Als Gemeinde gehen wir miteinander in die österliche Lichtung! Bringen wir unser Leben in den österlichen Lichtumfang.

Sämtliche Details unseres Lebens sind bei Gott bekannt. Aber weil Gott das Licht ist, kann zu ihm nur kommen und bei ihm bleiben, wer „gelichtet“ ist. Gott hat in Christus zu jedem einzelnen Menschen eine Lichtung aufgetan; es gibt also die Beziehung jedes einzelnen Menschen zu Gott, diese ist christlich gesehen nichts anderes als der Christus in uns. Das innerste Pünktlein in uns ist Licht von Christus her, der in unsere Welt gekommen ist. Dieses Seelenfünklein will zu einem großen Osterfeuer entfacht werden. Österlich angehauchte Menschen haben kein Gericht mehr zu fürchten.

Licht leuchtet nach allen Seiten gleichmäßig, es „erstrahlt“ rundum – in unser ganzes Leben hinein. Diese Erleuchtung von Christus her belichtet alle unsere Taten im Laufe eines Tages und jedes Detail, alles, was wir arbeiten oder tun. Aber dieses Licht verändert unser Leben und damit unser Tun. Unter den unzählbaren Details auch nur eines einzigen Tages können wir diejenigen, für die wir zuständig sind und die in unserer Macht stehen, ans Licht bringen und sie so sehen, wie Gott sie sieht. Es ist möglich geworden, so zu handeln, wie Gott will, so wie Christus das Hauptgebot interpretiert hat. Das Licht entscheidet über die Perspektive, und was wir sehen und erkennen, entscheidet über unsere Taten.
Das Verkünden des Evangeliums schaltet Christi Licht an und bewirkt, dass Christi Licht in uns heller wird.
In der Lesung haben wir doch gehört: „Gottes Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat.“ Gott selbst ist in Jesus Christus der Grund überhaupt, dass es uns möglich ist, gute Werke zu vollbringen.

In dieser „Lichtung Gottes“ werden sich unsere Taten verbessern – und sei es von böse nach gut und von gut nach besser und am besten, wir suchen die Nähe Christi auf Dauer, damit wir immer das notwendige Licht und die notwendige Perspektive haben, damit unser Glaubensweg ins bleibende Licht führt.
Gehen wir auf Erden durch Christi Wort, dem wir uns immer wieder aussetzen, das wir uns immer je neu zu Gemüte führen, das wir in unserem Herzen erwägen, gehen wir auf Erden durch Christi Wort in der Lichtung Gottes, damit die Summe unserer Alltage mit unendlich vielen Details im ewigen Licht aufgehen kann.


Pfarrer Karl Enderle

 

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