Predigt am Karfreitag, Kirche Christus König

Schwäbisch Hall, 6. April 2012

Jesus Christus, der Gekreuzigte, der „Spielraum“ Gottes


Einführung

Jesus Christus wurde am Kreuz festgenagelt. Davon gibt es viele Darstellungen. „Verwundet hing der Herr daran“ (GL 813,2). „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten“ (Jes 53,2). Und doch werden sie „auf den schauen, den sie durchbohrt haben“ (Sach 12,10).
Wir sind es heute, die auf den Durchbohrten blicken, auf Jesus, den Festgenagelten!
Viele fragen sich, ob das hat sein müssen, dass Jesus am Kreuz zu Tode kam. Manchmal sagen wir leichtfertig: „Müssen tut man überhaupt nichts!“ Und wir wissen doch: Es gibt Situationen, da muss man durch! Ohne Ausweg! Das ist dann der größte Stress!
Jesus hat sich gerade solcher menschlichen Ausweglosigkeit gestellt. Ganz konsequent in seinem Menschsein, ist er nicht ausgewichen. Vielleicht weil wir es so gerne tun: ausweichen – dem direkten Gegenüber, der Wahrheit, der Anstrengung, dem Wort Gottes. Es könnte uns ja jemand festlegen: auf unseren Glauben, auf unser Wort, auf unsere Unterschrift. Hören wir also in dieser Feier vom „Stress“ Jesu, der dem Willen des Vaters nicht ausgewichen ist.


Predigt

Die zeitgenössischen Theologen Jesu wollten handfeste Beweise. Wer da behauptet, er sei „der Sohn Gottes“, der soll auch das Wunder wirken, das ihm zusteht und vom Kreuz heruntersteigen. „Gottes Sohn“ wird sich doch nicht festnageln lassen! So denken wir gewöhnlich. Jesus „denkt“ anders.
Jesu Demut zeigt sich darin, dass er es hat geschehen lassen, weil Gott als Vater es geschehen ließ. Das wird wohl seinen guten Karfreitagsgrund gehabt haben. Schließlich „ist kein Schaden so groß, als dass nicht ein Nutzen dabei wäre.“

Jesus hat durch seinen Kreuzestod sichtlich Schaden genommen. Und was ist dabei der Nutzen – für uns?

Christen denken so wie Jesus.
Überall, wo Christen leben, sieht man Kreuze. Sie liegen nicht, sie sind aufgerichtet, damit wir sie umso besser sehen. In die Augen – in den Sinn! Jesus hat mich erlöst. Seine Festlegungen befreien mich. Seine Festnagelung gibt mir Halt. Der Blick auf ihn hält mich in meinem Schmerz.

„O du hochheilig Kreuze, daran mein Herr gehangen in Schmerz und Todesbangen“ (GL 182,1). O demütiger Jesus, du konntest gar nicht anders, als im Willen des Vaters leben. Und als du äußerste Gott-Verlassenheit gespürt hast, hast du dennoch nach Gott geschrien.
Oder: Jesus in seiner Demut wollte gar nicht anders, als im Willen des Vaters leben. In äußerster Gottverlassenheit hat er dennoch nach Gott geschrien.
Auch wir können schreien, auch uns kann es treffen. Aber darauf können wir uns dann verlassen: Es gibt keine Jesus-Verlassenheit mehr! Denn er ist der Immanuel – der Gott mit uns. Der letzte Winkel der Gott-Ferne wird ausgelotet, d.h. „eingerenkt“ auf Jesus hin, auf den Gott der Betroffenheit, auf den Gott des Mitleides, schlichtweg auf den sympathischen Gottes-Sohn.

Diesen sympathischen – gekreuzigten! – Jesus Christus hat uns Gott vor Augen gestellt, hat Gott verbindlich exponiert. Der blutverschmierte Jesus von Nazaret am Kreuz ist das Herz Gottes für die Menschen. Er ist der Bosheit der Menschen nicht ausgewichen. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34). Eindeutiger und direkter könnte es nicht gesagt sein! Da gerade das Kreuzesopfer den Höhepunkt der Begegnung Gottes mit der Menschheit bildet, weist genau dieser Gipfel nach oben. Gott selbst hat im Sohn Erlösung bewirkt, nicht wir! Nicht unsere Leistungen, nicht unsere Askese, nicht unsere Frömmigkeitsformen; überhaupt nicht der Mensch, sondern Gott hat das Werk getan!

Der Vater im Himmel schaut in Bezug auf die Menschen zuerst auf seinen Sohn, der uns erlöst hat. Jesu Leben steht für unser Leben. Diesen Schachzug kann Gott tun für dich und mich und jeden Menschen – so wie er will.
So ist das Kreuzesopfer Jesu zum „Spielraum“ Gottes geworden zwischen Himmel und Erde, zwischen Erde und Himmel. Und da Gott „kein Gott der Toten ist, sondern der Lebenden“ (vgl. Mt 22,32), so können wir ausrechnen, dass durch das Kreuz Jesu Gott ohne Weiteres Leben schenken kann, wo jemand „den Tod verdient hätte“.

Seit Karfreitag hat jeder Mensch immer noch eine letzte Chance: Jesus. Jesus am Kreuz ist der letzte Fluchtweg, die letzte Ausweichmöglichkeit und die letzte Aus-Rede. Gott hat sich am Karfreitag in Jesus Christus zu unserem Heil festgelegt und festnageln lassen, endgültig und unwiderruflich und für alle Zukunft: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben“ (Offb 1,7).


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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