Predigt am Fest der Heiligen Familie, Sonntag nach Weihnachten, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 27. Dezember 2009

 

Kyrie-Rufe

Herr Jesus Christus, du Spross aus Davids Geschlecht.

Herr Jesus Christus, du Schössling deiner Mutter Maria.

Herr Jesus Christus, du wiedergefundenes Kind deiner Eltern.

 

Lesung: 1 Joh 3,1-2.21-24

Evangelium: Lk 2,41-52

 

Solange eine Mutter mit ihrem Kind noch schwanger geht, ist der Sprössling wohl und sicher und warm und geborgen und aufgehoben.

Man braucht das Kind nicht zu suchen, es ist noch im Mutterschoß zu Hause. Sobald es aber geboren ist und das Licht dieser Welt erblickt hat, dauert es zwar eine Weile, bis es laufen gelernt hat. Aber dann erweitert sich sein Aktionsradius kontinuierlich.

 

Zum ersten Mal hat sich auch Jesus beim Wallfahrtsfest nach Jerusalem von seinen Eltern „abgesetzt“. Nach drei Tagen voller Angst haben sie ihn wieder gefunden. Sie haben ihn nach drei Tagen wiedergefunden. Ausgerechnet beim Paschafest, beim jüdischen Osterfest, hat sich das ereignet.

 

Jesus tritt aus dem Schoß der eigenen Familie heraus und zieht die Aufmerksamkeit auf sich, doppelt und dreifach durch seine kluge Antwort: „Ich muss in dem sein, was meinem Vater gehört!“

 

Obwohl seine Eltern dies erst viel später verstanden haben, wird uns durch diese Antwort Jesu deutlich, wo er sein eigentliches Zuhause sieht: Er muss in dem sein, was seines Vaters ist! Durch diese Bezugnahme öffnet sich der Aktionsradius Jesu über das Sichtbare hinaus. Denn bei seinen Fragen an die Lehrkörper des Tempels und den dabei verhandelten Antworten ging es ja um richtig religiöse Fragen. Mögliche Antworten ergaben sich aus dem Zusammenhang des jüdischen Glaubens. Das Alte Testament enthält viele Verheißungen; was Gott gesprochen hat, darauf kann man bauen. Die Worte der Propheten kommen aus der Vergangenheit und eröffnen das Zukünftige, nicht als genaue Vorhersage, sondern als sichere Zusage einer Zukunft, die von Gott kommt.

 

Was kommt von Gott? Es ist Licht, Liebe und Leben. Wir sind im Licht, wir sind in der Liebe und wir sind im Leben. Diese drei Worte werden im Christentum ganz und gar auf Jesus bezogen, der uns diese Gaben Gottes unwiderruflich und unverbrüchlich hinterlassen hat. Als Christen machen wir Licht, Liebe und Leben in Jesus fest. Die Person Jesu ist für uns die Garantie für die Gaben, dass sie nie aufhören und uns immer neu geschenkt werden. Denn in der Auferstehung Jesu hat unser Herr und Heiland die nie versiegende Quelle dieser Gaben von Gott her ein für allemal noch weiter aufgetan. Deshalb bezeichnen wir Jesus auch als „Vater der Zukunft“.

 

Wie groß wird jetzt der Aktionsradius all derjenigen, die an Christus glauben und zu ihm gehören – immer größer! Deshalb kann der Schreiber des Johannesbriefes formulieren: „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater – Jesu Christi! – uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es! … Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden.“

Liebe Mitchristen! In diesem „Werden“ steckt das Potential an Zukunft.

 

Was wird aus diesem Kind werden? Diese Frage bewegt werdende Mütter und Väter. Die Frage ist in jeder Hinsicht schon eine religiöse Frage. Genauso wie die Frage: Wo sind wir als erwachsene Kinder Gottes eigentlich zu Hause? Gibt es einen Ort dafür?

 

Ich glaube, wirklich ausruhen „wie zu Hause“ können wir nur im „Schoß der Verheißungen Gottes“. Seine Liebe umfängt uns wie der Mutterschoß. Und darin hören wir die Stimme des Vaters. Als Kinder Gottes befinden wir uns als Schösslinge im Umfang der Zusagen Gottes. Und diese machen unsere Schritte weit. Denn nur wer sein eigentliches Zuhause kennt, kann aufgrund des Rückhalts aus sich heraus gehen und wieder heimkehren. Irgendwie sind die Möglichkeiten unseres menschlichen Lebens woanders hinterlegt und gut aufgehoben! Sagen wir ruhig „Gott“ dazu. Das macht zufrieden und glücklich; die Einsicht macht eine zufriedene und glückliche Familie.

 

Auch Jesus konnte aufgrund dieser Einsicht wieder mit Vater und Mutter heimgehen und ihnen gehorsam sein. Er hat damit vorgemacht und das Beispiel gegeben, sich einzuordnen in einen großen Zusammenhang, in den großen Zusammenhang, was Gott in seiner Liebe als Vater mit dieser Welt noch vorhat. Wir befinden uns als „Sprösslinge Gottes“ in diesem zukunftsträchtigen Vorhaben.

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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