Predigt am Zweiten Sonntag der Osterzeit, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 15. April 2012


Erste Lesung:    Apg 4,32-35
Zweite Lesung:    1 Joh 5,1-5
Evangelium:    Joh 20,19-31

„Mutter“ Jesus


Manchmal sterben Mütter, damit ihr Kind auf die Welt kommen kann. Das Kind wird aus dem Leib der Mutter geboren, trotz eines hohen Risikos, und die Mutter hat Leib und Leben für das Kind gegeben. Dem Kind selbst wird dies erst in späteren Jahren bewusst gemacht.

Ja, es stimmt, je nach dem Grad unseres Bewusstseins können wir wirklich wahrnehmen. Wenn wir als Säugling getauft worden sind, konnten wir weder bei der Geburt noch bei unserer Taufe wirklich wahrnehmen, wie uns geschieht. Wir wurden geboren und wiedergeboren. Die Taufe ist ja die Wiedergeburt aus Wasser und Heiligem Geist, aber – im Vergleich zu den östlichen Wiedergeburtslehren – ist die christliche Taufe die einzigartige und einmalige, unwiederholbare und endgültige Wiedergeburt. Das einmalige Wiedergeborensein aus Wasser und Heiligem Geist hat uns für immer ins neue Leben gebracht. Wir sind getauft auf den Tod und die Auferstehung Christi; sein österliches Leben ist sein Geschenk an uns für immer und ewig.

Um geboren zu werden, „braucht“ es einen Leib, aus dem wir geboren werden. Daher bekennt das II. Vatikanische Konzil in der Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum concilium“: „Denn aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus ist das wunderbare Geheimnis der ganzen Kirche hervorgegangen“ (SC 5).
Die zentrale Seitenwunde ist das Symbol für alle Verwundungen unseres Erlösers, sie ist das wunderbare Zeichen für alle fünf Wundmale. Diese sind wiederum die Zeichen für die Hingabe Jesu Christi, für sein Leiden und Sterben und für seinen Erlösertod für uns. Aus seinem Leib erstand das Leben für uns. Das zentrale Wundmal Jesu, sein geöffnetes Herz, wurde zur Geburtsstätte des neuen Lebens. Wir sind aus der Seitenwunde Jesu neu geboren. Die „leibhaftige Verwundung Gottes“ hat uns das neue österliche Leben geschenkt.
Deswegen interessiert sich der Apostel Thomas so sehr für die Wundmale, denn einen Erlöser ohne Wunden gibt es nicht. Aus den Wunden entsteht das Wunder.

Die Apostel und die anderen Jünger wurden zu Augen- und Ohrenzeugen der leibhaftigen Hingabe Jesu in seinem Leiden und Sterben. Jetzt sind sie die Zeugen seiner Auferstehung von den Toten geworden, weil sich ihnen der Herr offenbart hat. Das macht das Apostelsein aus.

Nur der Apostel Thomas glaubt ihnen nicht. Er ist später dran, so wie die nachfolgenden Generationen und die Kirche insgesamt. Zwar wollen auch wir sehen und hören, doch es ist uns anders gegeben. Darauf will der Evangelist Johannes hinaus: Selig sind diejenigen, die nicht mehr wie die Apostel selbst hören und sehen dürfen, aber ihnen „trotzdem“ glauben. Es sind ja alle berufen zur Erkenntnis Jesu Christi als Messias. Alle sollen zum Credo gelangen: „Mein Herr und mein Gott!“

Die Kirche ist geboren aus der Seitenwunde unseres Herrn. Die Offenbarungen des Auferstandenen haben sie gefestigt. Die Osterzeit wird vollendet durch den Heimgang zum Vater im Himmel, sprich „Christi Himmelfahrt“ und durch die Sendung des Heiligen Geistes, sprich „Pfingsten“.

Man kann sagen: Nach der Erhöhung Christi zur Rechten Gottes des Vaters wurde die aus seinem Leib geborene Gemeinschaft der Gläubigen abgenabelt, und die Kirche wurde selbständig. Aber sie wurde durch die Kraft aus der Höhe ausgestattet mit dem authentischen Zeugnis über Jesus, den Christus, den Auferstandenen.
Von nun an gilt die Seligkeit durch Glaubwürdigkeit: Selig, die zwar nicht wie in der Zeit der Apostel selbst hören und sehen können, die aber trotzdem dem Zeugnis der Apostel und der Kirche glauben.

Der heutige Sonntag der abgelegten weißen Taufgewänder bedeutet also: Durch die leibhaftige Hingabe Jesu Christi in seinem Leiden, im Tod und in seiner Auferweckung ist das neue österliche Leben für alle erstanden. Durch die Taufe sind auch wir endgültig wiedergeboren zur neuen Schöpfung. Wir sind aus dem Gesicht Jesu geschnitten und aus der Rippe des neuen Adam genommen und gebildet. Er ist freiwillig für uns gestorben, damit wir leben.
Der leidgesättigte Jesus von Nazaret hat nach seiner Auferstehung den Aposteln ganz hingebungsvoll-mütterlich seinen göttlichen Atem und Geist eingehaucht.

Angehörige, die ihrer Mutter beim Sterben und beim Todeskampf beigestanden sind, haben mir gesagt: „Es war wie eine „schwere Geburt“!“ Im Rückblick lässt sich also vergleichsweise von einer „Schwangerschaft Jesu“ am Kreuz sprechen. Sein Todeskampf entspricht den „Geburtswehen“ für die neue österliche Welt. Durch die vollkommene Hingabe der „Mutter“ Jesus ist Ostern geworden.


Pfarrer Karl Enderle

 

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