Predigt am Vierten Sonntag der Osterzeit, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 29. April 2012


Evangelium:    Joh 10,11-18


An einen Nachmittag im Priesterseminar in Rottenburg erinnere ich mich. Es war ein Fachreferent da für Ehepastoral. Er hat viel gewusst und erzählt über fast alle Gesichtspunkte, die man bei diesem Thema ansprechen sollte. Da war dann auch das Stichwort vom „bewährten Ehealltag“ und vieles andere mehr. Aufhorchen ließ mich jedoch die folgende Erklärung. Der Referent führte aus, dass es sehr wichtig sei, wenn es in der Ehe zur Krise kommt und Schwierigkeiten auftreten, dass sich die Ehepartner bewusst machen, wie sie zueinander gefunden haben und wie ihre Ehe zustande gekommen ist. War es so genannte „Liebe auf den ersten Blick“, so wirke sich das gerade in solchen Situationen überaus positiv aus. Um des guten Anfangs willen macht man dann weiter, macht einen neuen Anfang und oftmals finden so die Partner wieder zusammen – so weit der Referent.
Um wie viel besser wirkt sich dann aus, wenn die Eheleute merken, dass da der Herrgott im Spiel war – sprich der gute Hirte Jesus Christus, der damals da war und diese Ehe gestiftet und gegründet hat.

Ich erwähne das einerseits, weil ich meine, dass die Berufung zum Ehestand genauso eine geistliche Berufung darstellt – wie die Berufung zur Ehelosigkeit. Beides wird gelebt um des Himmelreiches willen. Andererseits möchte ich jetzt eine Parallele ziehen.
Einige Zeit später war ich zusammen mit meinen Kurskollegen im Kloster Kellenried bei den Benediktinerinnen. Wir nahmen auch am Stundengebet der Schwestern teil. Eine Fürbitte hat mich dabei stark beeindruckt. Sie lautete: „Erhalte in denen, die dein Wort in eine geistliche Gemeinschaft berufen hat, die Wachsamkeit der ersten Liebe und die Erfahrung deines Geistes!“
Eine erste Liebe bei Ordensschwestern und bei Priestern? Gibt es das?

Ja, es gibt diese erste Liebe – und zwar meine ich damit den Einbruch Gottes in mein Leben, die Initialzündung, die Situation der ersten Liebe, wo ich ihn gemerkt habe, diesen guten Hirten, der sich um mich kümmert. Gott war zwar immer schon da im Leben, aber es kommt doch darauf an, dass ich das auch merke, für mein Leben wahrnehme.
Und so ist dann mein Verhältnis zu Gott ein gegenseitiges Liebesverhältnis – auf Gottes Initiative hin. Und wenn ich später in Schwierigkeiten gerate, und das darf man ja auch, dann denke ich an diese erste Erfahrung zurück. Es ist die Erfahrung, dass Gott in den entscheidenden Momenten meines Lebens da ist.
Wenn aber Gott in den entscheidenden Momenten meines Lebens da ist, dann ist er doch immer da. Er ist doch immer da, um gerade in den entscheidenden Momenten meines Lebens da zu sein. Nur – in den entscheidenden Momenten brauche ich ihn ja mehr als sonst. Das macht uns dann ruhig und gelassen. Ich weiß, dass der Herr für mich da ist.

Dieses Verhältnis, das ich entdeckt habe in meiner Beziehung auf Gott hin, das drängt auch nach Wachstum, Fruchtbringen, Unwiderruflichkeit und Vollendung – genauso wie zwischen zwei Eheleuten.

Persönlich beeindruckt hat mich ein Wort der Schrift, wo es heißt: „Wie der junge Mann sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich!“ (vgl. Jes 62,5). Es kommt also darauf an, dass jeder von uns diesen Gott erfährt als einen lebendigen Gott, der immer wieder da ist – im Alltag – jeden Tag. Dieses Verhältnis weitet (?) dann auch irgendwelche kleinkarierte Frömmigkeitsformen, irgendwelches Gebets-Leistungsdenken. Dieses Verhältnis zu Gott lässt sich am besten angemessen in dem Psalmvers ausdrücken: „Du führst mich hinaus ins Weite, du machst meine Finsternis hell“ (GL 712, Antiphon zu Ps 18).

Das ist der gute Hirte! Mein Leben hat sich zum Besseren gewandelt. Wer ihm vertraut, dessen Leben wird sich tatsächlich zum Besseren wandeln. Christus hat sich bemerkbar gemacht, er hat mich beim Namen gerufen, so wie er jedes einzelne Schaf, das ihm gehört, beim Namen ruft.

In dem Maß, wie ein Mensch sich von Jesus Christus als dem guten Hirten bewegen lässt, in dem Maß werden auch andere Menschen aufmerksam eben auf diesen guten Hirten. Das heißt Zeugnis geben für Christus, ihn in meinem Leben zum Zug kommen lassen. Das ist unsere gemeinsame Berufung. Diesen guten Hirten in unserem Leben anerkennen.
Sich Christus anvertrauen heißt, zu glauben, dass er aus meinem Leben weitaus mehr machen kann, als ich mir das zunächst zutraue. Das gilt dann auch für jeden Christen: Christus macht mehr aus deinem Leben. Es kommt darauf an, sich von ihm führen zu lassen – und das ist nicht einfach. Da muss man oft mit sich kämpfen, denn man hat je einen eigenen Willen und ist oft ein Dickkopf.

Bedenken Sie aber bitte: Menschen, die sich nicht von Gott führen lassen, werden leicht verführt. Sie lassen sich schnell und leicht abbringen vom rechten Lebensweg: Die Sorgen der Welt, der trügerische Reichtum und die Gier nach all den anderen Dingen bringt sie in so manche Sackgasse. Dann müssen sie schmerzlich fühlen, dass sie falschen Göttern gefolgt sind. Umso wichtiger ist für einen jeden von uns die Freundschaft mit Jesus, die uns immer wieder die vertraute Stimme hören lässt und die uns am Leben erhält.

Das ist auch eine Freundschaft, die uns in der notwendigen Weise Abstand halten lässt zu den Angeboten und Möglichkeiten dieser Welt. Es ist eine Freundschaft, die uns über uns selbst hinauswachsen lässt – in dem Vertrauen, dass Gott mit dieser Welt und mit einem jeden von uns noch etwas vorhat, was wir uns noch gar nicht vorstellen können. Denn Gott will uns letzten Endes die Fülle des Lebens schenken in seinem Sohn. Deswegen heißt es im Evangeliums: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Das ist das Ziel der Freundschaft mit Jesus: Einheit mit Gott.

Alles Erste ist ewig. Die erste Liebe, die Gott in uns begonnen hat, will in die Ewigkeit münden. Christus fängt in uns nicht etwas an und hört es wieder auf. Christus macht weiter, seine Liebe und Freundschaft anzubieten mit unverratener Liebe und echtem Glauben. Machen auch wir weiter!

Fürbitten


Zu Jesus Christus, unserem guten Hirten, kommen wir mit unseren Sorgen, Anliegen und Nöten:

Herr, gib, dass wir uns mehr und mehr dir und deinem Wort öffnen, so dass wir besser deine Stimme hören!

Herr, gib den verschiedenen christlichen Konfessionen größeren Willen zur Einheit, damit die Nichtchristen erkennen können, dass du der gute Hirt nur einer Herde bist!

Herr, rufe viele Menschen in den Dienst deiner Kirche, die sich tatkräftig einsetzen für die Verkündigung der frohen Botschaft und für das leibseelische Wohl aller Menschen!

Herr, gib, dass wir in unserer Gemeinde durch die Praxis des Glaubens und durch die Mitfeier der Gottesdienste besser zueinander finden.

Herr, schenke uns immer wieder die Erfahrung, dass du bei uns bist auf unserem Lebensweg.

Jesus Christus, du bist der Hirt und Bischof unserer Seelen. Du hast uns ein Beispiel gegeben, damit wir dir folgen auf deinem Weg. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit. Amen.


Pfarrer Karl Enderle

 

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