Predigt am Fünften Sonntag der Osterzeit, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 6. Mai 2012


Lesung:        1 Joh 3,18-24
Evangelium:    Joh 15,1-8

Erbetene Empfänglichkeit

In einem Copy-Shop in unserer Stadt habe ich folgende Aufschrift entdeckt:
„vergeben! –
nachgeben! –
abgeben! –
aber niemals aufgeben!!“
Ich habe sie abgeschrieben und unter meine Schreibtischunterlage gesteckt.
Die Stichworte sind schön und richtig, aber sie pieksen auch: Stichworte stechen! Ein Stich schmerzt. Der Schmerz rührt daher, dass auf dieser unserer Welt aus Liebe vieles anders aussehen könnte.

Liebe Mitchristen: Diese Worte des Gebens leuchten uns ein. Etwas geben können ist etwas sehr Schönes, vor allem, wenn es etwas bleibend Gutes ist, das zudem auch hilfreich ist und voranbringt.
Eine solche Gabe „schaffen“ wir nur in Verbindung mit dem Geber aller Gaben: Gott hat aus Liebe seinen Sohn für uns dahingegeben. Jesus Christus ist die Tat und Wahrheit Gottes.
Seine dienende Liebe, die uns die Erlösung geschenkt hat, ist unser Vorbild. Von ihm angestiftet, können auch wir in Tat und Wahrheit lieben.
Es geht also vor allem zuerst immer darum, die Verbindung mit Jesus Christus zu halten: „Please hold the line!“ und leg’ den Hörer nicht auf!

Die Botschaft des Evangeliums lautet: „Wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“ Das ist doch eine sehr zukunftsträchtige Verheißung. Wir dürfen um alles bitten, was wir brauchen und benötigen. Was das im Einzelfall ist, um die persönliche Not zu wenden, das weiß jeder selbst am besten.
Aber „die Schale“ für die Gaben Gottes ist die Verbindung mit Jesus. Um diese Verbindung aufzubauen und zu halten, gibt es den „Service-Point“ Kirche und Gemeinde.
Wir können inzwischen sehr gut auswählen aus dem großen Erfahrungsschatz einer 2000-jährigen Tradition. Für jeden ist etwas dabei. Aber eigentlich geht es um die vollständige Verbindung mit dem ganzen Christus.

Das Eigentliche sind die Worte Jesu. Sie sind zur Aneignung gegeben. In seinen Worten ist Jesus Christus gegenwärtig, vergleichbar wie in der Heiligen Kommunion. Haben wir die Worte Jesu in uns, werden wir durch die Gegenwart Christi in uns beruhigt.

Wir lesen im Neuen Testament und hören die Worte Jesu im Gottesdienst, damit „das Wort“ in unser Herz einziehen kann. Wir bedenken das Wort Christi, damit es in unserem Kopf hin- und herüberlegt und bewegt wird. Wir empfangen das Wort Gottes, damit wir in einen ständigen Dialogprozess mit dem Wort eintreten.
Ein Glaube, der in den Köpfen und in den Herzen verankert ist, geht nicht unter.
Mehr noch: Er schenkt und verschenkt sich weiter – und wird zur Frucht, die bleibt.
Das „Projekt“ unseres Lebens besteht darin, in der Verbindung mit Jesus Christus reiche Frucht zu bringen. Gott selbst hilft uns dabei in der Kraft des Heiligen Geistes, der uns geschenkt ist.

Für den bewährten christlichen Alltag bleiben die „Hausaufgaben“, die Jesus vor uns und für uns getan hat:

Vergeben!
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Diese Worte Jesu sind hilfreich für unseren Alltag. Oft gibt es keine andere Lösung als Vergebung. Dadurch wird ein neuer Anfang möglich.

Nachgeben!
Als Jesus den Glauben der syrophönizischen bzw. kanaanäischen Frau sah, sagte er zu ihr: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt“ (Mt 15,28). Das heißt für uns: Wenn es um das Reich Gottes geht und um die Botschaft Jesu, hat das Vorrang und wir können persönliche Dinge zurückstellen.

Abgeben!
Immer wieder verweist Jesus auf den Vater: „Der Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28). Oder: „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ (Mt 6,26).
Wenn es um die Botschaft des Reiches Gottes geht, wie Jesus in erster Linie empfiehlt, dann wird auch uns alles andere – was wir wirklich brauchen! – dazugegeben.

Aber niemals aufgeben!
Jesus sagt zu dem Verbrecher neben ihm am Kreuz: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Dieses Wort gilt nicht nur für Verbrecher!
Aber Jesus sagt auch: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“ (Mt 28 20). Im Vertrauen darauf brauchen wir weder eigene Projekte noch andere Mitmenschen aufzugeben.

Damit eröffnet sich die Bandbreite vom einzelnen Menschen bis zum Zielpunkt der Weltgeschichte, wenn der Herr wiederkommt, um alles zu vollenden. Zwischendurch gilt die Gabe der Vergebung in der Kraft des Heiligen Geistes – und zwar nur von Original zu Original – zwischen dir und mir.

Und wenn’s klemmt, helfen wir einander bei der Bitte darum, die Formen der Gaben schenken zu können: vergeben, nachgeben, abgeben, aber niemals aufgeben. Bitten wir Gott, so werden wir sie durch Christus empfangen.


Pfarrer Karl Enderle

 

zurück