Predigt am Sechsten Sonntag der Osterzeit, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 13. Mai 2012


Lesung:
        1 Joh 4,7-10
Evangelium:    Joh 15,9-17


Liebe Mitchristen!

Jesus hat uns eingeladen, in seiner Liebe zu bleiben. Er verspricht sogar: „Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.“ Deshalb können wir den Vater im Himmel doch auch bitten um die Vielfalt in der Natur und um Bewahrung der Schöpfung.
„Liebt einander!“, so lautet der Auftrag Jesu. Diesem Gebot können wir nachkommen, zum Beispiel dadurch, dass wir die Herzen füreinander in Schwingung versetzen. Wie geht das?

Nun – die Musik macht’s! Es ist die Macht der Musik, die herzliche Schwingungen erzeugt. Nicht zufällig heißt es: Wer Musik macht, wird geliebt! Das Gleiche gilt im Großen wie im Kleinen. Denken wir an die Open-Air-Festivals der Musikgruppen bis tief in die späte Nacht.
Zu einer schönen Feierlichkeit gehört einfach Musik. Musik macht Millionäre. Ja, die Reichen machen die Musik im Land. Aber vergessen wir doch schnell wieder diesen zweideutigen Satz, und bleiben wir bei dem eindeutigen herzlichen Geschenk der Liebe durch die Musik.

Ich spiele dir auf und beschere dir unvergesslich schöne Stunden. Wir spielen euch auf und schenken euch herzliche und wunderbare Töne, die sogar dem ganzen Leib Flügel verleihen und zum Tanzen einladen.

Mittlerweile ist aber auch die ganze Natur zu neuem Leben erwacht. Ein bekanntes Frühlingslied lautet: „Alle Vögel sind schon da.“
Spät abends gehe ich oft noch eine kleine Runde mit meinem Retriever „Raschid“. Von weitem höre ich sie schon, und zwar seit dem 1. Mai. An der Ecke Rinderbachweg/Michaelstraße, wo die Brücke die Stuttgarter Straße überquert, höre ich den wunderbaren Gesang einer Nachtigall. Ich frage mich, für wen singt die Nachtigall die ganze Nacht? Es ist ein nächtliches Liebeslied, nicht nur im biologischen Sinn für das Anlocken des Weibchens und zur Revierabgrenzung, sondern es ist auch ein Loblied und Liebeslied auf Gott, den Schöpfer.
„Vom biblischen Schöpfungsglauben und von der großen theologischen Tradition her sind jedenfalls alle Geschöpfe auf analoge Weise mit einer spezifischen „Antwortfähigkeit“ auf Gottes Liebe begabt. Denn sie alle verdanken ihr Dasein vom Anfang bis Ende dem schöpferisch-liebenden Wort Gottes… Durch ihr einfaches Dasein und Sosein bezeugen sie, dass sie den Willen Gottes bejahend „beantworten“ …
Das Alte Testament nennt diese grundlegende Zustimmung der Geschöpfe zu ihrem Dasein das Lob Gottes; zu ihm ist die ganze Schöpfung fähig.“1

Also singt die Nachtigall ihr Lied in der Nacht, wie wir hier beim Gottesdienst unser Loblied auf Gott singen: Wir haben eine Adresse und die Nachtigall hat eine Adresse. Die Nachtigall singt auf Gott hin.
Zusammen mit allen anderen „Wohllauten“ der Natur trägt dieser Vogel bei zu einer Grundmelodie der Schöpfung. Genau diese Sichtweise bezeugt das Osterlied von Friedrich Spee aus dem Jahr 1623, das wir als Zwischengesang gesungen haben, wo es abschließend heißt: „Die ganze Welt, Herr Jesu Christ, in deiner Urständ fröhlich ist“ (GL 219).

„Dieses Lied steht in einer langen, bereits in der Alten Kirche einsetzenden Tradition „österlicher Frühlingslyrik“ (Hugo Rahner). Friedrich Spee bringt hier die kindlich unbeschwerte Freude einer von der winterlichen Kälte befreiten Welt an der Auferstehung Jesu ins Wort. Die ganze Natur stimmt in ihrer neu erwachten Lebensfreude mit in den österlichen Lobgesang der Engel im Himmel und der Christen auf Erden ein. So wird Ostern geradezu zu einem „kosmischen Frühlingsfest“; es ist eben nicht auf den Kirchenraum oder die Menschenwelt beschränkt. Weil Jesus den Tod überwunden hat, kann die „ganze Welt“ wieder grünen und blühen, singen und leuchten. Also nicht bloß deswegen, weil Ostern ohnehin in die Frühlingszeit fällt; nein, für Friedrich Spee liegt der theologische Grund für das neue Aufleben der Natur darin, dass auch sie an Ostern immer neu Anteil bekommt an jener göttlich-schöpferischen Lebenskraft, die in der Auferweckung Jesu wirksam geworden ist.“2

Liebe Mitchristen! Der österliche Auftrag Christi, „einander zu lieben“, vermag auch unsere Liebe zur Natur zu erneuern. Das Erlösungswerk Christi bezieht sich auf alle Lebewesen. Das Vogelkonzert im Frühling entfacht unsere Liebe zur Natur. Weil wir die Natur lieben und uns von dieser Melodie herzlich angesprochen fühlen, bitten wir auch den Vater im Himmel für sie. Er möge dafür sorgen, dass der Raubbau an der Natur gestoppt wird und dass die Menschen und Regierenden sich zu einem umweltgerechten Verhalten bekehren. Auch für die Pflanzen und Tiere ist es bleibend Ostern geworden. Österliche Liebe ist wie ein Vogel, der singt, auch wenn die Nacht noch dunkel ist.


Pfarrer Karl Enderle

 

zurück