Hochfest Pfingsten, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 27. Mai 2012


Lesung:     Apg 2,1-4

Beistand auf Lebenszeit


Die ganz persönliche Note des Pfingstfestes kommt in dieser Lesung aus der Apostelgeschichte zum Tragen. Zungen wie von Feuer verteilten sich und auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.

Diese Feuerzunge über dem Haupt der Jünger wurde vielfach in der Kunst dargestellt. Sie symbolisieren die je andere Anwesenheit Gottes als besondere Zuwendung an den einzelnen Menschen. Die Zunge wie aus Feuer ist das Zeichen, dass sich Gott als Gott ganz und gar mitteilt als unwiderrufliche Gabe. Die eine Sprache Gottes verteilt sich in so viele Sprachen, wie es gibt auf dem weiten Erdenrund. Alle Mitteilungsformen des Menschen sind wiederum aufgehoben in der einen Mitteilung Gottes, da die Gabe Gottes, der Heilige Geist, die unteilbare einigende Kraft ist, die alle in die Einigung zu bringen vermag.

Die Ausgießung der Charismen Gottes bewirkt die Berührung mit der Heiligkeit Gottes, welche die Kraft besitzt, unser Leben auf Zukunft hin zu gestalten, die Gott selbst ist. Die Feuerzunge ist gleichsam der Zungenkuss des allgegenwärtigen Gottes, und bedeutet: „Mensch, du bist ganz und gar geliebt und ich löse dir die Zunge, um in allen Sprachen von mir zu reden!“

Diese höchste Nähe und Intimität zwischen Gott und Mensch hat der Apostel Paulus etwas einfacher formuliert: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5).
Derjenige, der „am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18), hat Kunde gebracht von dieser Liebe. Die Liebe Gottes vom Herzen Gottes kommt herab in unsere Herzensangelegenheiten.

Der Kopf und das Herz gehören zusammen, so wie Verstand und Gefühl zusammengehören, aber oft auseinanderdriften.
Die einigende Kraft aus der Höhe bringt beide Bereiche (wieder) zusammen. Verstand und Gefühl können Hochzeit feiern.
Beide Bereiche, die Gedankenwelt und die heimlichen Regungen des Herzens, kommen durch die Erleuchtung von oben in eine Harmonie, so dass wir besser wahrnehmen können, um den Weg Gottes für uns zu erkennen.

Liebe Mitchristen, was damals an Pfingsten geschehen ist, ereignet sich auf verborgene Weise im Sakrament der Taufe. Uns wird bewusst, dass Gottes Heiliger Geist das Menschsein erfüllt. Der Getaufte wird zum Tempel Gottes und zum konkreten Ort seiner Herrlichkeit. Wiederum formuliert der Apostel Paulus diese Berufung so: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit durch den Geist des Herrn“ (2 Kor 3,18).

Die den Getauften je eigene und doch gemeinsame Berufung auf Gott hin bewirkt eine große Verbundenheit untereinander. Das macht „Kirchesein“ aus: das unverwechselbar eigenständige Begabtsein und das gemeinsame Unterwegssein. Dafür wird der Heilige Geist auch „Beistand“ genannt. Was bedeutet dieses Wort?

Angenommen, Sie sind zu einem Fest eingeladen. Sie treffen jemand und können sich mit ihm unterhalten. Schon wird das Fest mehr zum Fest, da aus dem gleichen Festanlass ein Mensch neben Ihnen steht. Wir erfahren Austausch als Bereicherung.
Oder Sie sind eingeteilt für eine schwierige Aufgabe. Deshalb bekommen Sie jemand zugeteilt. Schon geht es Ihnen besser durch die Person, die Ihnen beisteht. Zu zweit geht vieles leichter, denn Begabungen ergänzen sich.
Vielleicht müssen Sie auch ganz vorne stehen und etwas vortragen. Haben Sie jemand bei sich, der neben Ihnen steht, der Sie kennt und schätzt, dann senkt sich der Blutdruck, Sie werden ruhiger und fühlen sich sicherer.
Oder Sie singen in einem Chor. Auch da wirkt der eine auf den anderen ein. Die Stimme des Anderen spornt an und zieht mit. Der gemeinsame Ausdruck wird harmonischer.
So ist es in vielen Fällen. Aber genau in diesen menschlichen Hilfestellungen bewahrheiten und bewähren sich auch Gottes Gaben. Sie sind uns füreinander gegeben, damit wir gemeinsam vorankommen – in der Familie, in der Kirche, im Beruf, eigentlich auch in Freundschaften und überall. Wenn wir zueinander stehen und füreinander einstehen, kommt uns Gott zu Hilfe mit seinen Gaben.

Pfingsten bedeutet: Wir erhalten das Geschenk der Begabung füreinander und für das große Miteinander der Kirche. Das Pfingstfest gilt als deshalb Geburtstag der Kirche, denn sie hat als Braut die Gaben des Höchsten erhalten als „Aussteuer“. Seither wartet sie auf den Bräutigam und erwartet vom ihm die beste „Note“. In der Taufe erhielten wir genau diese „Aussteuer“ für unseren Lebensweg, dargestellt durch die Feuerzunge. Wir dürfen unseren Lebensweg gehen in der großen Gewissheit der persönlichen Zuneigung Gottes.


Pfarrer Karl Enderle

 

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