Hochfest Fronleichnam, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 7. Juni 2012


Erste Lesung:     Ex 24,1-8
Zweite Lesung:    Hebr 9,11-15
Evangelium:    Mk 14,12-16.22-26


„Von neuem davon trinken! – Jesus eröffnet den Ausblick auf den „Tag“, an dem er „von neuem“ von der Frucht des Weinstocks trinken wird. Jesus ist sich sicher, dass dieser „Tag“ kommen wird.

„Der Wein wird auf das Blut Jesu gedeutet, das den Bund mit Gott bestätigt und erneuert (vgl. Ex 24,8), indem es für viele vergossen wird. Das vergossene Blut weist auf den Verlust des Lebens Jesu, das aber gerade so dem Heil vieler dient, indem es sühnende Wirkung im Blick auf ihre Vergehen hat (vgl. Jes 53,11f). Im Horizont der Passionsgeschichte ist mit den „Vielen“ Israel angesprochen, das Volk des Bundes, das hier durch die Zwölf repräsentiert wird. Ihm wird der Bund Gottes mit Mose und dem ganzen Volk bestätigt. Dabei ist ernst zu nehmen, dass im Mk-Evangelium vom „Blut des Bundes“ gesprochen wird. … Im Rahmen des Mk-Evangeliums insgesamt mit seiner Ausrichtung auf die Mission der Völker sind die an den Messias Jesus Glaubenden aus allen Völkern eingeschlossen, auch sie gehören im Glauben zum Bundesvolk, das nunmehr über die Juden hinaus auch Menschen aus den Völkern umfasst.“1

Durch das so verstandene Pessachmahl öffnet Jesus selbst die Bundesgemeinschaft Gottes für „die Vielen“ aus allen Völkern und Nationen.
Gemeint sind sicher die Vielen, wie es hier im Urtext des Markus-Evangeliums heißt, die Vielen, die niemand zählen kann.
Unsere zeitgemäße Mentalität hört daraus eine Form von Ausschluss; viele sind nicht alle, schon wieder sind einige – zumindest gedanklich und theoretisch – nicht gemeint und deshalb ausgeschlossen.
Aber Erlösung, die von Gott kommt, kann ihrer Natur nach doch nur alle betreffen! Ganz gewiss, deshalb wird es dabei bleiben, dass es heißt: „Nehmet und esset alle davon!“

Jesus hat sein Blut vergossen für all die Vielen in aller Welt; dieses Wort muss nicht eine Reduzierung der Heilsgewissheit bedeuten, sondern berücksichtigt die geschichtliche Prozesshaftigkeit des Erlösungswerkes Jesu. Vergießen hat zu tun mit fließen. Der sühnende Blutfluss Jesu erreicht tatsächlich all die Vielen in aller Welt und zu aller Zeit.

Das Buch Exodus beschreibt anschaulich die Bundeshandlung des Mose: „Da nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den der Herr aufgrund all dieser Worte mit euch geschlossen hat“ (Ex 24,8).

Freilich ist diese Besprengung äußerlich, aber gültig. Um wie viel mehr wirksam ist es dann, wenn Jesus sagt: „Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Mk 14,24).
Darauf will der Hebräerbrief hinaus, wenn er für uns festhält: Jesus hat mit seinem eigenen Blut ewige Erlösung bewirkt (vgl. Hebr 9,12). Wer also aus dem Kelch Jesu trinkt, der trinkt die zeitlose Erlöserliebe Jesu Christi in sich hinein. Und es gilt: Was der Mensch trinkt, das wird er!

Ein Leib wird durchblutet, so lebt er, die Durchblutung ist das Maß aller Lebendigkeit.
Der Leib Jesu wurde gebrochen, so floss das Blut heraus, um vergossen zu werden – und genossen zu werden. Im Schlussgebet dieser Eucharistiefeier wird es heißen: „Herr Jesus Christus, der Empfang deines Leibes und Blutes ist für uns ein Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit. Sättige uns im ewigen Leben durch den vollen Genuss deiner Gottheit.“ Das klingt wunderbar und ist tatsächlich wahr!

Wenn es heftig regnet, gießt es in Strömen. Ist die Liebe Christi nicht ähnlich überströmend? Sie lädt ein, dass wir uns vom Kleinmut zur Großmut bekehren und ermutigen.
Das macht doch den lebendigen Leib Christi, die Kirche, aus, dass sie durchblutet ist von der Liebe Christi. Sie fließt und flutet, kraft des ewigen Geistes Jesu Christi. Zurzeit sieht es allerdings in der Kirche so aus, als ob sie an manchen Stellen einer gewaltigen Zerreißprobe ausgesetzt ist. Ich tröste mich mit dem Gedanken: Blut fließt und lässt sich nicht zerreißen. Doch manchmal entstehen Embolien, die lebensbedrohlich sind. Der Heilige Geist ist gleichsam Marcumar, welches das Blut wieder fließen lässt. Zugegeben solche Vergleiche sind einfach und anschaulich zugleich. Auf alle Fälle gilt: Die Liebe Jesu Christi geht bis aufs Blut und sie ist unwiderruflich. Durch die Heilige Kommunion werden wir unauflöslich verbunden mit dem Herrn. Afrikanische Christen sagen: „Sein Blut fließt in unseren Adern, deshalb sind wir Blutsverwandte.“

Auch wenn wir manchmal Staumauern bauen durch Gesetze und Vorschriften, so ist das Blut aufgrund seiner Konsistenz doch das Bild für die überfließende Gnade.
Wir beten: „Leib Christi, rette mich. Blut Christi, tränke mich. Wasser der Seite Christi, wasche mich“ (GL 6,7).

Die Evangelien berichten: „Und sie tranken alle daraus“, aus dem Kelch, den Jesus ihnen gab (vgl. Mk 14,23).

Jesus gibt – und alle trinken. Warum trinken wir nicht alle daraus? Zwei einfache Antworten geben schwachen Trost: Der Leib enthält das Blut, also empfangen wir im Leib Christi den „ganzen“ Christus.
Und zweitens dauert es viel zu lange, bis alle getrunken haben. Grundsätzlich hat jeder Christ das Recht auf die Kommunion unter beiderlei Gestalten, aber sie ist nicht immer praktisch möglich.

Die intensive Kommunion mit Jesus Christus hängt vor allem davon ab, wie groß der Becher ist, den ich selbst mitbringe, das meint, wie groß meine Bindungswilligkeit an den Herrn ist. „Wer sich an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm“ (1 Kor 6,17).
Damit sind wir bei der Gabe aller Gaben, die allen überreich zugesagt ist: „Ich gieße meinen Geist aus über alles Fleisch“ (Joël 3,1).

Der Heilige Geist wird über Brot und Wein herabgerufen, aber auch über uns alle, die wir an der Eucharistiefeier teilnehmen. Der eine Geist ist auch der einigende Geist, so dass Gabe und Empfänger immer mehr eins werden. So werden wir erfüllt mit der großen Hoffnung, dass sich unsere Leibhaftigkeit wandelt in die Gestalt Christi für den Tag, an dem wir mit ihm „von neuem“ von der Frucht des Weinstocks trinken werden im Reich Gottes.


Pfarrer Karl Enderle

 

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