Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 23. September 2012



Zweite Lesung: Jak 3,16-4,3

Evangelium: Mk 9,30-37



Mittlerweile bestimmt wieder der Arbeitsrhythmus des Schuljahres unseren Alltag. Das ist gut, denn ein bestimmter Rhythmus fördert lebendiges Lernen. Schließlich ist die Schule die wichtigste Institution überhaupt, wo das Lernen gelernt wird.


Lernen ist eigentlich schön! Wer die Bereitschaft wach hält, immer neu dazuzulernen, bleibt jung und sozusagen „up to date“. Wie viel muss oder kann man lernen? Antwort: So viel, wie das Leben zu bieten hat! Da gibt es eigentlich keine Grenze. Habe ich Einblick bekommen in ein Thema, tun sich anschließend weitere Bereiche auf.


In den 70er Jahren, als ich die Realschule in Biberach besuchte, meinte man noch, es gäbe so etwas wie eine objektive Seite, was man alles wissen kann und muss. Natürlich galt auch der Spruch des Sokrates aus der Antike: „Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.“ Aber soviel mir bekannt ist, glaubte man damals, es gäbe so etwas wie eine eingrenzbare objektive Seite der Wissenschaft.


Heutzutage muss man wahrnehmen, dass die Grenzen für die Naturwissenschaft sich immer weiter ausdehnen, einerseits in den Makrokosmos und andererseits in den Mikrokosmos. Zudem kann man die Dinge mit dem Mikroskop und der Computersimulation schön sichtbar machen: die gruselige Gestalt einer Zecke etwa oder die neueste Entdeckung einer Galaxie. Die Sprüche zu meiner Schulzeit waren zum Beispiel: „Das darfst du nicht so eng sehen!“ oder „Ich seh’ das galaktisch!“


Mitten in diese „ausdehnte“ Welt hinein wird ein Mensch geboren. Wird ein solches Kind alles erlernen und „packen“ und „anpacken“ können? In einer Welt, in der selbst wir Erwachsene uns manchmal schwer tun, alles zu begreifen.


Liebe Mitchristen! Da habe ich keine Bedenken! Ich bin Optimist. Schauen wir auf Jesus, wie er mit den Kindern umgeht.

Er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme“ (Mk 9,36), wenig später heißt es: „Er legte ihnen die Hände auf und segnete sie“ (Mk 10,16).


Das ist der Grund von allem: Jesus, er segnet! Und diesem Kind fehlt nichts. Es befindet sich in der Mitte, ist in den Armen Jesu geborgen, von seiner Liebe getragen, es ist von Jesus angesprochen und angeschaut und gesegnet!

Jesus legte dem Kind die Hände auf; diese Segenshand Jesu auf dem Kopf des Kindes ist die Zuversicht, ist die Kraft und der Mut, das Kind in die Welt zu entlassen, wo es aufwächst.


Liebe Mitchristen, ausgehend von diesem Bild erkennen wir, dass wir Menschenkinder von Jesus rundherum gesegnet sind. Und so wie ein kleiner Säugling in Einheit mit seiner Mutter lebt, so können wir in Einklang mit Jesus leben. Die Liebe Jesu umgibt uns von allen Seiten.


Deswegen brauchen wir keine Angst zu haben, wenn das Kind in die Welt hinausgeht. Gleichzeitig möchte jedes Kind im Mittelpunkt stehen und es fühlt auch so. Wenn es von seiner Umgebung nicht beachtet wird, macht es auf sich aufmerksam – positiv oder negativ. Es möchte auch der Größte sein. Das schwäbische Lob dafür heißt: „Du bist a Hauptkerle!“


Wie wir gehört haben, gebärdeten sich die Jünger damals nicht anders. Jesus tadelt sie aber nicht, sondern er greift dieses vitale Anliegen auf und sagt: Jeder darf der Größte sein; aber das geht so: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein!“ Jetzt kann man sagen: Ja, wenn das so ist, na dann Tschüss!


Liebe Mitchristen! Wir können aber auch der Einladung Jesu folgen. Und wir haben die Gewissheit, dass unser Tun nicht umsonst ist! Bedenken wir, dass auch wir von den segnenden Armen Jesu ausgegangen sind und ihn sozusagen im Rücken haben. Dadurch erweitert sich unser Aktionsradius enorm und unser Horizont wird größer. Das ist der göttliche Rückhalt aus der Mitte: Jesus, der Christus. Er ist der absolute Mittelpunkt der Welt und unsere persönliche Lebensmitte ist mit ihm radikal verbunden, also verbunden wie durch eine Wurzel.

In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet (Eph 3,17) können wir unser Leben bestehen. Durch die Taufe haben wir ganz bewusst einen „radikalen Rückhalt“ in Christus, dem geliebten Sohn des Vaters. Von ihm her können wir die Welt, unsere „Umwelt“ erfahren und erlernen. Aufgrund dieser Perspektive der Liebe Christi „nach allen Seiten“ können sich alle Bereiche unseres Lebens erschließen und auftun. Und selbst der Kampf der Leidenschaften in unserem Innern wird durch den Frieden Christi beruhigt und befriedet.


Liebe Mitchristen, dieser Rhythmus soll unser ganzes Leben bestimmen: Immer wieder zu Jesus gehen und sich von ihm segnen lassen. Das zeichnet uns als Kinder Gottes aus, dass wir uns immer je neu vom göttlichen Vermittler segnen lassen. Dadurch werden wir zugleich mit dem Vater verbunden, der wirklich alles weiß. Schließlich hat er den Sohn gesandt, damit wir von ihm lernen. Und: Von Jesus lernen macht „Jünger“.



Pfarrer Karl Enderle

 

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