Predigt am 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 30. September 2012



Erste Lesung: Num 11,25-29

Evangelium: Mk 9,38-43.45.47-48


Der große Integrator


Liebe Mitchristen,

konsequent sein, heißt folgerichtig zu handeln.

Jesus zeigt sich hier extrem konsequent, er unterstreicht seine Verkündigung mit drastischen Bildern.

Wenn er hier von der Hölle redet, dann deshalb, um sie für uns zu vermeiden. Er möchte, dass wir in das Leben gelangen. Wir sollen vermeiden, was den Weg zur Hölle ebnet, und im Gegenteil danach bestrebt sein, mit allen Mitteln und unter allen Umständen ins Leben zu gelangen, selbst wenn es weh tun sollte.


An einem Apfel schneiden wir ja auch die fauligen Stellen heraus und Menschen ohne Fehler gibt es ja auch nicht. Wir können uns aber konsequent von unseren Fehlern und – religiös gesprochen – von unseren Sünden distanzieren und verabschieden. Vermutlich geht das eben nicht, ohne dass es weh tut oder – milde gesagt – unbequem ist.


Manchmal genügt es schon, dass wir so manchen Ballast abwerfen, der nicht angewachsen ist – zu dem Zweck, um Jesus eindeutiger nachfolgen zu können.

Die zwölf Jünger befinden sich ja auch dem Weg mit Jesus nach Jerusalem und teilen unterwegs ihre Beobachtungen Jesus mit, darunter Johannes, der die fürs heutige Evangelium auslösende Frage stellt.

Bei seinen ersten beiden Antworten, welche den dürstenden Menschen betreffen, sowie grundsätzlich die Kinder, spannt Jesus einen großen weiten Bogen um die ganze Welt. „Wer nicht gegen uns (mich!) ist, der ist für uns (mich!).“

Also: Welcher Mensch muss nicht täglich trinken? Welcher Mensch gehört – aus christlicher Sicht! – nicht zu Christus?


Immer wieder begegnet mir der Einwurf, dass ein eindeutiges Bekenntnis zu Christus einseitig und überheblich sei, denn: Die anderen Religionen gelten doch auch etwas und sind auch nicht nichts. Durch das Wort Jesu wird jeder Mensch anerkannt, der seiner religiösen Überzeugung folgt, aber nicht gegen Christus ist. Wer nicht gegen ihn ist, der ist für Christus. Durch dieses Kriterium sind wir auf einmal eine ganz große Gemeinschaft religiösen Miteinanders.


Aber es geht jetzt auch um unser Tun als Christen: ein Glas frisches Wasser geben. Das ist möglich, so lange es noch frisches Wasser gibt.

Die großen Umweltprobleme vereinen die Menschen ganz unterschiedlicher Religionen und Bekenntnisse. Jesus will, dass jeder Mensch ein Glas frisches Wasser zu trinken hat. Über ein Glas frisches Wasser, das ich für einen Mitmenschen besorge, reiche ich Christus weiter! Jetzt bin ich auf der ganz positiven Seite der Leibhaftigkeit. Jesus bejaht die Bedürfnisse des Leibes und unterstreicht diese Leibsorge mit seiner ganzen Autorität.


Das tut Jesus noch mehr, wenn es um die Kinder geht. Ihnen gilt seine erste und wichtigste Solidarität. Sie ist ihm sogar diese drastische Androhung wert, dass er allen „den Mühlstein an den Hals“ hängt, welche Kinder seelisch und körperlich missbrauchen oder misshandeln, so dass sie für ihr Leben davon gezeichnet sind und dadurch ihre Liebesfähigkeit verloren haben und sich deswegen ganz schwer tun, sie wieder zu gewinnen. Jeder Mensch soll zur Erkenntnis gelangen können: „Gott ist die Liebe!“ (1 Joh 4,8). Dafür wirft Jesus seine ganze Autorität in die Waagschale.


Noch etwas anderes kommt aus aktuellem Anlass hinzu. Denken wir an „das kleine Kind des Glaubens in uns“. Religiöse Gefühle gehen ganz tief, religiöse Gefühle und Überzeugungen sind gewissermaßen „heilig“! Mensch sein heißt, religiöse Überzeugungen zu achten und zu respektieren. Wer sie bewusst und gezielt verletzt und damit den Hass und den Unfrieden unter den Menschen und Völkern schürt, dem gehört – in der Bildsprache des heutigen Evangeliums – genauso ein Mühlstein an den Hals angedroht. Manche Vorgänge haben nichts mehr zu tun mit demokratisch geschützter Meinungsfreiheit. Es gibt ein Recht auf körperliche Unversehrtheit; es gibt aber auch ein Recht auf religiöse Unversehrtheit.

An erster Stelle steht der Mensch, und als Christ kann ich in von Christus her seine Würde erkennen. Deswegen gebührt in erster Linie und vor allem jedem Menschen Respekt und Achtung, denn Jesus hat sich im Evangelium mit allen Dürstenden und mit allen Kleinen solidarisch erklärt.


Wir sind in der Nachfolge Jesu zu dieser Solidarität aufgefordert – mit aller Konsequenz!

Jesu Vermächtnis ist das der Integration. Wir Christen stehen in seiner Nachfolge und sind verpflichtet, uns so integer und integrativ zu verhalten, dass die Menschen leiblich und seelisch ihre Zufriedenheit und den Glauben an Christus finden können.



Pfarrer Karl Enderle

 

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