Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 7. Oktober 2012


Erste Lesung: Gen 2,18-24

Evangelium: Mk 10,2-16


Die Ehe im Herrn

Das, was Gott will, hat doch Bestand!“ Jesus meint das genauso, wenn er von der Ehe redet. In der Absicht des Schöpfers liegt die Lebensgemeinschaft von Mann und Frau; das war und ist von Anfang an so, also gut so, ja sehr gut so!

Aufgrund dieser biblischen Aussagen haben wir eine Grundlage, von der Ehe sehr gut zu reden.


Das Besondere der christlichen Ehe besteht nun darin, über die Ehe von Christus her zu sprechen. Was die christliche Ehe wesentlich ausmacht, ist die Gegenwart des Christus in ihr. Deshalb geht es im Traugespräch darum, den Horizont dieser Gegenwart zu eröffnen. Der weitere Hintergrund ist der, das ganze Leben im Licht Christi zu sehen. Aus der ganzheitlichen Existenz des Christseins heraus ergeben sich die Wesensmerkmale der Ehe. Weil der auferstandene Christus für immer bei uns bleibt, deswegen ist die Ehe auf das Bleibende hin angelegt. „Bleibt in meiner Liebe!“, sagt der Herr (Joh 15,9).


Wer sich Jesus verbunden fühlt, der vermag auch im Vertrauen auf ihn das Ja-Wort zu geben. Denn in ihm ist das Ja Gottes verwirklicht (vgl. 2 Kor 1,19). Das erste und allem vorausgehende Ja hat Gott gesprochen. Darin findet das Beieinanderbleiben fürs ganze Leben seinen Ausgangspunkt. Allem Finden aber geht das Suchen voraus.


Jesus sagt: „Wer sucht, der findet“ (Mt 7,8). Wir dürfen annehmen, dass Jesus meint: Wer mich sucht, der findet mich auch!

Die beste Ehevorbereitung ist also die Spurensuche Jesu in meinem Leben. Das ist allerdings auch mit einer gewissen Mühe verbunden. Wir können Jesus nicht einkaufen oder aus dem Automaten herauslassen. Entschuldigen Sie bitte diese unpassenden Vergleiche, aber entsprechend der vorherrschenden Mentalität ist es doch wichtig, dass wir das Bitten lernen und lernen, wie ein Kind anzunehmen.

Ein Kind kann nur dankbar sein, aber nichts dafür bezahlen. Es dankt auf seine Weise durch einfache Freude. Das fällt uns Erwachsenen schwer. Deshalb bleiben uns die Gaben Gottes, des Vaters, manchmal „fremd“. Wer sich nicht beschenken lassen kann – eben wie ein Kind, kann nicht in das Reich Gottes gelangen. Die „Umkehr“, wie sie Jesus von Anfang an verkündet hat, gilt demzufolge auch für die Ehe. Was die Ehe betrifft, müssen wir umdenken lernen – und ausgehend vom Verhalten eines Kindes die Ehe als Geschenk und Gabe begreifen. Jeder wird die Frau seines Lebens mit offenen Armen empfangen. Jede wird den Mann ihres Lebens mit offenen Armen empfangen.

Wenn ein Mensch mit offenen Armen dasteht, wird deutlich, dass er ein Empfangender ist. Aufgrund der Gottebenbildlichkeit des Menschen darf jeder Mensch seine eigene Geschlechtlichkeit als Mann bzw. als Frau grundlegend als Gabe Gottes verstehen und begreifen lernen.


Jesus fragt zunächst die Pharisäer zurück nach dem, was Mose geboten hat. Er möchte „seine Gesprächspartner von ihrer engen, auf den Mann konzentrierten Fragestellung abbringen und sie für die größere Weite des Willens Gottes öffnen“1. Die Orientierung am Willen Gottes macht das Herz weit. Die ursprüngliche Absicht des Schöpfers ist, dass Mann und Frau ihr ganzes Leben lang miteinander und füreinander da sein können. Dafür möchte Jesus gegenwärtig sein zwischen den Ehepartnern. Das Sakramentale, also die „Einbindung Jesu in die Ehe“ erfolgt aber nicht „automatisch“, sondern aufgrund der bewussten Entscheidung und ausdrücklichen Einladung. Um dieses Bewusstsein geht es bei der kirchlichen Trauung. Die bewusst gesprochenen entscheidenden Worte der Vermählung werden dann bestätigt durch die Kirche, durch den Vertreter der Kirche, welcher der Trauung assistiert, und durch die Hochzeitsgäste, welche alle zu Trauzeugen werden.


Weil Jesus in unverbrüchlicher Treue da bleibt, bei seinem Volk und in seiner Kirche, können die einander Anvertrauten auch beständig den Herrn bitten und ihn einladen: „Herr, bleibe bei uns!“ – auch und vor allem dann, wenn sich „etwas“ zu Ende neigt. Bei den Emmaus-Jüngern heißt es dann: „Da ging er hinein und bei ihnen zu bleiben. Und als er bei ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, brach es und gab es ihnen. Dann sahen sie ihn nicht mehr“ (Lk 24,30-31). So ist es auch in der Ehe: Jesus ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen und er gibt auf seine Weise sich selbst. Das ist die eigentliche Vermählung mit Gott als Arznei der Liebe, die neue Kraft gibt auf dem Weg ins Reich Gottes.



Pfarrer Karl Enderle

1 Peter Dschulnigg, Das Markusevangelium. Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, hrsg. von Ekkehard W. Stegemann u.a., Band 2, Stuttgart 2007, S. 268.

 

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