Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 14. Oktober 2012


Erste Lesung: Weish 7,7-11

Zweite Lesung: Hebr 4,12-13

Evangelium: Mk 10,17-30


Manchmal frage ich mich, was das Leben wirklich interessant macht. Sind es die Dinge, die der Norm entsprechen?

Wir haben uns ja für viele Bereiche Normen gegeben. Das gilt für das Handwerk und die Industrie, damit Geräte und Maschinen kompatibel sind und zueinander passen, damit sie austauschbar sind und zusammengefügt werden können.


Für die Gesellschaft gibt es Gesetze und Verordnungen, damit das Miteinander gelingt. Wir brauchen einfach bekannte Größen, Vorgaben und Maßstäbe, damit wir nicht immer wieder von vorne neu anfangen müssen oder Punkte immer wieder neu verhandeln müssen. So weit – so gut!


Auch unser Gerechtigkeitsempfinden drückt sich aus in einer allgemein bestätigten „Norm“: Alle Menschen sollen gleich sein.

Wenn ich aber richtig beobachte, dann fällt mir auf, dass kein Mensch wirklich „normal“ ist, das meint, keiner von uns entspricht einer „Norm“. Jeder Mensch ist einzigartig und jede Schablone ist fehl am Platz.


Gleichwohl gibt es das normale Verhalten unter uns, sprachlich gewendet heißt das so: „Man tut und frau tut so“, wie es der Gewöhnlichkeit entspricht. Im Gewohnten sind wir ja auch gut zu Hause, das gilt natürlich auch für die Religion. Darauf greift Jesus zurück.

Wie der reiche Mann im Evangelium können auch wir bei dem Hinweis Jesu auf die zehn Gebote antworten: „Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.“

Und nun? Das Einhalten dieser „Norm“ ist überaus wichtig und biblisch gesprochen lebens- und überlebensnotwendig bis in das künftige ewige Leben hinein.


Jesus aber setzt auf das Besondere. Das entspricht seinem Wesen: „Da sah in Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er“!

Diese besondere Wendung Jesu ist entscheidend. Das direkte Ansehen in Liebe ist nur dem menschgewordenen Gott möglich. Jesus von Nazaret lädt den Mann ein, in Liebe angesehen zu sein und in diesem liebevollen göttlichen Ansehen den großen Schatz des Lebens zu finden.


Liebe Mitchristen, das Normale, auch das normale religiöse Leben lockt uns nicht wirklich. Das Besondere des Christentums innerhalb der drei abendländischen monotheistischen Religionen ist die Menschwerdung Gottes. Aber diese Botschaft, dieses „Evangelium“ begreifen wir auch nur erst wirklich im Zusammenhang der anderen Kontraste, sprich der anderen Religionen, denn Vergleiche schenken Erkenntnis. Über allem aber steht der Dialog miteinander und die Basis ist das Menschsein füreinander.


Und jetzt steht Jesus auch vor uns – sozusagen auf Augenhöhe durch die Verkündigung der Kirche. „Geh, verkaufe, gib, dann komm und folge mir nach!“ Wer sich diese Worte in die eigene Lebenssituation hinein zu Herzen gehen lässt, der bewegt sich, der bewegt die Kirche, der bewegt die Welt.

Das ist die Beanspruchung, die von Jesus ausgeht. Dieser Anspruch kann unser Leben gestalten. Jesus will in unserem Tun präsent sein. Er hat uns alles gegeben.


Bei seiner Amtseinführung wandte sich Papst Benedikt besonders an die Jugend: „Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist. So möchte ich heute mit großem Nachdruck und großer Überzeugung aus der Erfahrung eines eigenen langen Lebens Euch, liebe junge Menschen, sagen: Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück.“


Nun sind wir dran, alles zu geben für Jesus und das Reich Gottes. Niemand wird bezweifeln, dass die Voraussetzung für die Nachfolge äußerst positive soziale Auswirkungen hat. Reiche geben den Armen jenseits aller Gesetze und Normen. Das ist von Jesus her kein Tagtraum, sondern echt möglich. Tun wir unser Möglichstes, dann verbindet Jesus unser Tun mit den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes.

Jeder Mensch will etwas Besonderes sein. Jesus lädt uns ein, freiwillig und gern und mühselig das Besondere zu tun. Die göttliche Gestaltpädagogik sieht dann so aus, dass wir konsequent von Jesus lernen und einander zu begreifen helfen, dass wir als große und interessante Lerngemeinschaft aufbrechen, und als Kirche und Gemeinde neue Wege gehen, begleitet durch die Weisheit und das Wort Gottes.


Pfarrer Karl Enderle

 

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