Predigt am Hochfest der Gottesmutter Maria, Neujahr, Afrikatag

Schwäbisch Hall, 1. Januar 2010

 

Wer trägt, erfährt das Getragensein

 

Das neue Jahr liegt wie die offene See vor uns. Da werden wir zwar von Sehnsucht gepackt, und zugleich wissen wir um die Unwägbarkeiten des Kommenden. Die ganz große weite Welt ist nicht immer „unser Ding“, manchmal bleiben wir lieber zu Hause, auch in Gedanken. Was „da draußen“ so alles passiert! Wir ziehen uns gelegentlich auf unsere Sicherheiten zurück. Doch was ist wirklich sicher?

 

Ein wunderbares Gebet ist uns von einem wagemutigen Seefahrer überliefert: „Ich bin allein. Keiner außer dir, mein Gott, begleitet mich auf meinem Weg. Was soll ich fürchten, wenn du bei mir bist, der Tag und Nacht geschaffen hat? Wenn du mich beschützt, bin ich sicherer, als wenn ein ganzes Heer mich beschützte.“

 

Dieses „Du, Gott, bei mir!“ ist uns zugesagt. Unsere Erde triftet nicht irgendwann in den Abgrund, sondern ist gehalten durch das große Gegenüber – Gott selbst!

Wir sind nicht irgendwelchen Schicksalsmächten ausgeliefert, wie immer sie auch heißen mögen, sondern am Beginn des Neuen Jahres wird uns durch die Schriftlesungen bewusst gemacht, dass wir gehalten und getragen sind im großen Gegenüber Gottes.

 

Auf dem Marienmedaillon von Josef A. Schaeble können wir sehen, dass die Gottesmutter ihr Kind, unser Jesuskind, aus der Krippe genommen hat und den Hirten hinhält. Die vielen runden Köpfe weiten symbolisch den Kreis der Hirten aus auf den gesamten Erdkreis.

Das Kunstwerk ist so gehalten und gestaltet, dass man den Eindruck bekommt, das Jesuskind schaut zur Mutter auf und zugleich öffnet es seine Arme in unsere Richtung mit einer Geste, die uns anfrägt: Und wer hält mich jetzt?

 

Die Antwort sehen wir auf unserem Plakat zum Afrika-Tag hier vorne.

Ordensfrau Hedwig kümmert sich mit ganzer Kraft um das Kind; es heißt Sne.

Und das Waisenkind hält wiederum mit seinen kleinen Händen einen blauen Ball, sagen wir die Erdkugel, mit seinen weiten blauen Meeren.

 

So geht das, wenn wir das Tosen der Meere (vgl. Ps 65,8) stillen wollen: Die Kinder aufnehmen, die Gott uns in die Arme gibt und sie halten. Wer ein Kind in seinen Armen hält, hält die ganze Welt in seinen Händen.

 

Im Blick auf das Jesuskind und im Hinhören auf das, was uns über das Jesuskind gesagt und verkündet wird, können auch wir ins Staunen geraten. Denn das Jesuskind macht aus allen Kindern „Jesuskinder“. Wenn wir sie halten, erfahren wir selbst den Halt durch Gott, und zwar als „Vater“!

Abba, Vater“ können wir rufen und beten, weil wir Söhne und Töchter des einen Vaters im Himmel sind.

 

Diese Perspektive macht Hoffnung: Ein Kind, 10.000 km von hier entfernt, in Südafrika, ist uns hingehalten wie das Jesuskind. Helfen wir Schwester Hedwig beim Tragen. Dazu lädt uns der Afrika-Tag unserer Diözese ein.

 

Das macht Weihnachten! Das ist die Macht der Heiligen Nacht: Ich sehe keinen Unterschied:

Da hält die Gottesmutter uns das Jesuskind hin – hier hält Schwester Hedwig uns den kleinen Sne hin!

Da hält  Schwester Hedwig uns den kleinen Sne hin - hier hält uns die Gottesmutter das Jesuskind hin!

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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