Predigt am Gedenktag Allerseelen

Schwäbisch Hall, 2. November 2012


Licht fürs Herzauge


Wenn wir auf den Friedhöfen am Grab stehen müssen, so ist das wie eine „Mauer“. Wir können absolut nicht durch und müssen davor stehen bleiben.

So wird das Sterben und Gestorbensein unserer lieben Angehörigen zu einer existentiellen Grenzerfahrung. Gemeinsam gehen wir von dieser Mauer wieder weg nach Hause und kehren doch wieder dahin zurück. Immer wieder pflegen wir die Erinnerung, wir halten inne und rufen uns Mitmenschen ins Gedächtnis, die vor uns gerufen wurden – hinter diese Mauer ins ewige Licht.


Symbol dafür ist die Osterkerze aus der Osternacht, in der Christus von den Toten erstand. Beide sind Gabe Gottes; die Mauer des Todes als absolute Grenze für den Menschen, aber auch das Osterlicht als absolute Überwindung der Todesfinsternis ist Gabe Gottes.


In dieser Beziehung zueinander gesetzt, ist die Mauer für uns Menschen durchsichtig geworden. Sie hat Fenster bekommen und diese sind erleuchtet von der Seite der Auferstehung zu uns herüber. So stehen wir nicht mehr machtlos gegenüber. Wir können Gott bitten, dass er für uns die österlichen Fenster einsichtiger mache und noch heller leuchten lasse. Dadurch wird die absolute Mauer des Sterbenmüssens zu einer österlichen Wand und unsere Klagen verwandeln sich in Bitten und Gebete.


In Anlehnung an den Sonnengesang des hl. Franziskus von Assisi wird an diesem Arrangement, der Mauer aus Ziegelsteinen hier Altarraum, der Tod als „Schwester“ genannt, eher bekannt auch als „Bruder Tod“. Wir sind eingeladen, liebe Mitchristen, als „Freunde Gottes“ den Umstand des Sterbenmüssens aus Gottes ewiger Vaterhand freundschaftlich anzunehmen. Wie oft kommen wir in unserem Leben an körperliche oder psychische Grenzen! Der beste Umgang damit ist, sie zu akzeptieren, weil sie – weiß Gott! – zu uns gehören.


Der außerordentliche Grenzfall in unserem Leben ist der Tod eines lieben Angehörigen.

Nehmen wir für diese Grenze menschlichen Daseins im Idealfall 100 Jahre, wie zum Beispiel in diesem Jahr bei Frau Josefine Grenzner und bei Frau Annemarie Pick, die zusammen mit den anderen Verstorbenen nachher genannt werden.

100 Jahre plus bilden eine erreichbare, aber anerkannte Obergrenze. Man erreicht sie nur, wenn man bis dahin viele andere Grenzen akzeptiert hat und mit so vielen Begrenztheiten Frieden geschlossen hat. Im großen Vertrauen auf Gott, den allmächtigen Vater, können wir dann erfahren, dass er die Grenzen weitet. Wir können die Entgrenzung ins ewige Leben nur annehmen, wenn wir vorher die Grenzen angenommen haben. Diese „Übungen“ steigern unsere Gottesbeziehung. Das ist zukunftsträchtig, denn das gesteigerte Leben der Ewigkeit ist nur möglich in gesteigerter Beziehung zu Gott, denn die Gabe aller Gaben kann nur vom Geber aller Gaben kommen.

Religion“ macht also bewusst, dass jeder Grenze die Entgrenzung innewohnt. So können wir immer wieder Abschied nehmen, um wieder je neu zu empfangen. Trost und Hoffnung haben heißt: Es gibt ein Wiedersehen jenseits dieser Mauer!


Auch wenn wir aufschauen und das Mosaik des auferstandenen Christus auf unserer Chorwand erblicken, so sehen wir doch weiter.

Wir sehen dahinter die eigentliche Verheißung: „Ich aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet“ (Joh 14,19).

Dazu öffne uns heute am Allerseelentag der lebendige Gott das Auge des Herzens.


Pfarrer Karl Enderle

 

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