Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 4. November 2012 (Vorabendmesse)


Lesung: Hebr 7,23-28

Evangelium: Mk 12,28b-34


Jesus, der Vollkommene


Sehr geehrter Herr Clausner1,

Sie haben mir Ihre Gedanken über die „Dreieinigkeit Gottes“ in einem ausführlichen Brief überreicht. Daraus ersehe ich, dass Sie von diesem christlichen Glaubensgeheimnis angetan und fasziniert sind.

Mit Ihrem Interesse entsprechen Sie dem Hauptgebot, Gott mit ganzem Verstand zu lieben. Das für diesen Sonntag vorgesehene Evangelium nach Markus nennt das erste und wichtigste Gebot. Ein Schriftgelehrter hatte Jesus danach gefragt. Jesus gab ihm die vollständige Antwort entsprechend der jüdischen Glaubensoffenbarung.

Wir beobachten nun, dass dem Schriftgelehrten die Antwort Jesu dermaßen weiterhilft, dass er sie inhaltlich aufgreifen kann und sogar noch weitergehend interpretiert. Er kann sogar die gängige religiöse Opferpraxis relativieren. Das heißt, im Vergleich zu diesem Hauptgebot ist alles andere zweitrangig. Die Provokation liegt darin, dass die tätige Nächstenliebe weit mehr gilt in den Augen Gottes als etwa der Brandopferkult.

Jesus und der Schriftgelehrte wurden sich also in dieser entscheidenden Frage vollkommen einig. Hier haben wir eine wunderbare Stelle der Übereinstimmung zwischen Jesus und den Schriften des Ersten Testamentes.

Lieber Herr Clausner, aus Ihrer Sammlung an Texten spricht auch Verständnis zum theologischen Thema der Dreifaltigkeit Gottes. Sie sehen, nun habe ich schon ein anderes Wort verwendet für das neutestamentliche Glaubensgeheimnis der „Trinität“.

Ich will versuchen, es Ihnen mit eigenen Worten darzulegen. Ich weiß wohl, dass dies schon immer eine entscheidende theologische Herausforderung war und ist.

Normalerweise können wir Erkenntnis gewinnen durch Vergleichen. Nehmen wir gestern und heute. Beide sind gleichwertige Tage – und doch einzigartig und insofern schon gar nicht vergleichbar. Morgen sieht man weiter, übermorgen ist auch ein Tag und beide sind noch nicht da. Sie merken, die „Dinge“ sind vergleichbar, doch innerhalb der Vergleichbarkeit sind sie uns wiederum auch „entzogen“. In unserer Wahrnehmung bewegen wir uns also zwischen dem „Gegebensein“ und dem „Genommensein“, zwischen Offenbarkeit und Verborgenheit.

Nun gilt das Christentum als Offenbarungsreligion. Was uns nicht bekannt war, wurde bekanntgemacht. Deshalb heißt es im Johannes-Evangelium: „Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18).

Durch diese gute Nachricht erkennen wir das Geheimnis Gottes als Geheimnis einer Beziehung „zwischen“ Vater und Sohn. Die Kunde selbst ist die Botschaft „davon“, dass wir als Adressaten „dahin“ bezogen werden. Das heißt, wir Menschen sind durch das Evangelium in dieses Geheimnis aufgenommen. Durch den Glauben bekommen wir bewusst Anteil daran, in diese Offenbarkeit der Liebe Gottes einbezogen zu sein.

Ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15,15). Diese Worte Jesu machen eindeutig deutlich, dass Gott selbst sich direkt mitgeteilt hat, im Sohn, durch den Heiligen Geist.

Unvergleichbares kann nur mitgeteilt werden. Gehen wir von uns Menschen aus; jede/r ist eigentlich unvergleichbar. Darum ist es notwendig, dass jede/r sich persönlich vorstellt und mitteilt. Wenn wir über einen Menschen in seiner Abwesenheit reden, spüren wir selbst, wie mangelhaft unsere Worte sein können, wie wir trotzdem versuchen, mit unseren Worten seiner Person gerecht zu werden und wie sehr uns geholfen ist, wenn der betreffende Mitmensch selbst da ist und gegenwärtig selbst sich mitteilt.

So ist uns religiös gesehen geholfen und gedient, wenn wir die Gegenwärtigkeit Gottes aufsuchen, wann und wo Gott seine Gegenwart offenbar macht. Von den Erfahrungen seiner Offenbarkeit und seiner Gegenwart sind die Formulierungen der Bibel geprägt. Deshalb wurden sie maßgeblich. Aus den heiligen Schriften spricht Gott und in sie hinein lesen wir ergänzend unsere eigenen Erfahrungen mit Gott. In dieser „Tradition“ haben die Evangelisten das Evangelium aufgeschrieben und für uns „aufgehoben“. Sie formulieren von Jesus her auf Gott hin!

Sie finden Worte für seine göttliche Vollkommenheit. Und er steht in der Beziehung zum „Vater“! Zwischen ihm und dem Vater liegt die „Dynamik“ der Verbundenheit. Diese „Dynamik“ kam am Pfingstfest auf die Jünger herab, damit sie in und durch diese Kraft von oben Jesus als Christus verkünden können, der als Hoherpriester „auf ewig vollendet ist“ (Hebr 7,28).

Lieber Herr Clausner, Sie merken, wie die Rede von Jesus schon in sich selbst trinitarisch ausgerichtet ist: als Weg in die Wahrheit zum Leben.

Schon sind wir bei den abstrakten Begriffen, von denen es viele gibt, aber sie greifen nicht so sehr, weil sie eben abstrakt, stark zusammenfassend und oft fremd sind. Wir können uns damit befassen, wohl wissend, dass auch sie ihre Grenzen haben. Gott zuliebe und unserem Verstand zuliebe dürfen und sollen wir es aber tun.

Deshalb meine Empfehlung: Halten Sie sich an die Offenbarkeit des Evangeliums und seine Anschaulichkeit. Dann bleiben Sie auf und in der Spur, die uns zum lebendigen Gott führt, der nicht nur in sich selbst „einig“ ist, sondern als der dreieinige Gott die Menschheit in sich zu vereinen vermag.

Lieber Herr Clausner, Sie können selbst beurteilen, ob die Erfüllung des Hauptgebotes durch die Offenbarung der Dreieinigkeit Gottes schwerer oder leichter geworden ist.

Ich meine schon, dass uns darin das Vorbild Jesu entschieden weiterhilft, denn an einem gegebenen vollkommenen Beispiel auf „Augenhöhe“, durch Jesus selbst, können alle Menschen zur religiösen Grundpraxis geführt werden. Es gilt also für uns, das Wort Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6).

Deshalb lautet die Frohe Botschaft im Umkehrschluss: durch ihn zu allen!

Das ist doch eine wunderbare Einladung.


Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Pfr. K. Enderle


Pfarrer Karl Enderle

1 Name geändert

 

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