Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Schwäbisch Hall, 11. November 2012

Hochfest des Diözesanpatrons St. Martin von Tours


Lesung: Jes 61,1-3a

Evangelium: Mt 25,31-40


Andauernde Christusbegegnung

Der Soldat Martin hätte am frierenden Bettler vorbei weiterreiten können. Er hätte sich sagen können: Wenn ich damit anfange…

Er tat es aber nicht! Er ist nicht achtlos vorbeigeritten, sondern hat mit Hochachtung sein Pferd angehalten. Und dann?

Wir dürfen davon ausgehen, dass der Arme ihn auch „angerufen“ hat. Das war schon sehr wagemutig, einen Soldaten hoch zu Ross um Hilfe zu bitten.

Dieses Rufen des Bettlers wurde für den Taufbewerber Martin zur Berufung. Aus dem Munde des Bettlers hörte der noch Ungetaufte die besondere Stimme des lebendigen Christus. Das bedeutet: Auch Ungetaufte können die Stimme des Auferstandenen vernehmen.


Werke der Barmherzigkeit, welche noch nicht Getaufte oder Getaufte vollbringen, bringen diese in die Nähe Gottes. Das ist doch ein wunderbarer Schimmer an Hoffnung – für alle Menschen. Schließlich wird es entscheidend darauf ankommen, beim Jüngsten Gericht Gutes getan zu haben, ein „verlängerter Arm der göttlichen Barmherzigkeit“ geworden zu sein.

Die Hand, die gibt und ausgibt und Hilfe leistet, schenkt mir selbst eine Gabe zurück, die ich jetzt zwar noch nicht sehe, die mich aber erfreut, anderen geholfen zu haben, so dass es ihnen gut oder besser geht.

Allerdings beruht dieses Tun auf Freiwilligkeit. Das macht das „Gütesiegel“ des Gebers aus. Was wir freiwillig tun, hat doppelt soviel Wert.

Vieles in unserem Alltag müssen wir tun, es gibt unausweichliche Zwänge. Deshalb wird das Leben „ausgeglichen“ durch die Möglichkeit der Freiwilligkeit.


Auch „in die Kirche gehen müssen“ tut man nicht mehr, es zählt nunmehr das freiwillige Kommen. „Ich frage Sie: Sind Sie hierhergekommen, um nach reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss“ am Gottesdienst der Gemeinde teilzunehmen?

Aufgrund dieser Bereitschaftserklärung kann auch die „Hochzeit“ mit Christus stattfinden. Die „Hohe Zeit mit Christus“ ergibt sich und feiern wir hauptsächlich in der sonntäglichen Versammlung der Gemeinde, im Wortgottesdienst und in der Eucharistie. Die Rückbesinnung auf Christus setzt uns dann immer wieder neu frei für die Caritas, das Tun der Nächstenliebe.


Diese geschieht Auge in Auge, Hand in Hand und von Mund zu Mund. Es ist schon ein erstes Geschenk, sich ansprechen zu lassen und anzusprechen. Ansprache zu geben ist das Erste der Menschenwürde. Dazu kommt die Christuswürde, das eigentliche Christsein von Christus her. Symbol dafür ist das Chrisam-Öl bei der Feier der Taufe. Es bedeutet: Der Christ kann in der Welt Christi Stimme hören und Christi Stimme in der Welt werden. Wie geht das?


Ganz einfach: vom hohen Ross heruntersteigen!

Martin begab sich mit vermutlich auf Augenhöhe zum Bettler und hat ihm persönlich den Mantel angezogen. Denn nur dann hat er wirklich Christus berührt und wurde von ihm berührt. Der staubige Bruder am Straßenrand wurde für den Taufbewerber zur „persona Christi“. „Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ Dieses Wort Christi wird hier veranschaulicht.


Eigentlich provozierend: Gott hat sich durch seine Menschwerdung auf Augenhöhe zu den Menschen begeben. Die menschliche Ebene ist damit zum Ausgangspunkt der Gottesbegegnung geworden. Diese ist nunmehr für uns die entscheidende Ebene: Im Hier und Heute wird getan oder auch vertan. Wir sind nicht machtlos, wir können etwas machen.


Durch die Erlösung durch Jesus Christus sind wir gerettet. Aber genau die Gewissheit darüber lässt uns die vielen irdischen Sicherheiten relativieren und wir sind frei für den Fokus: Dem Nächsten, dem Mitfremden – ja, dem „Wildfremden“! – soll es gut gehen. Das verändert die Welt um Christi willen nach Christi Willen.


Was will Christus? Ich greife zurück auf die Bistumszeitung „Katholisches Sonntagsblatt“, neueste Ausgabe vom 11. November 2012. Dort steht im Artikel von Wolfgang Urban über unseren Diözesanpatron St. Martin auf Seite 38: „Martin dagegen trägt – Reichtum ausdrückend – ein goldgewirktes, pelzverbrämtes Gewand, womit zugleich eine sozial-politische Botschaft vermittelt wird. Es sind, welche das Vermögen haben, die mit den Ärmsten letztlich ihren Überfluss und die für alle bestimmten Güter teilen müssen.“ Da haben wir es: das Für-alle!

Immer wieder höre und lese ich es: Diese Erde bringt als sehr gute (!) Schöpfung Gottes genug und ausreichend Nahrungsmittel hervor – für alle. Es sind Verteilungsprobleme und mangelnder (politischer) Wille, dass die Weltbevölkerung nicht genug zu essen hat und nicht genug anzuziehen hat usw.


Wir können uns von diesen Herausforderungen nicht dispensieren. Was uns diese Einzel-Tat von damals nahelegt, ist das Vertrauen, dass jede einzelne gute Tat Auswirkungen hat auf die ganze Welt, wenn wir nur die Wirkungsgeschichte des Martin von Tours bedenken. Er ist uns Ansporn und Mahnung zugleich. Ergreifen wir unsere Chance – freiwillig und gern. Helfen ist schön – es verziert die Welt und bringt „Schmuck anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt Verzweiflung“ (vgl. Jes 61,3a).


Helfen tut gut und macht vieles gut. Helfen heilt und richtet auf – den Geber durch den Empfänger. Durch Helfen kommt der Empfänger mit Gott in Verbindung. Auf dem beim erwähnten Artikel abgedruckten Tafelbild des Diözesanmuseums Rottenburg (um 1450) reicht deshalb der rote Mantel von links oben (Christus) über die Bildmitte (St. Martin) nach rechts unten zum Bettler. Wer Gott nicht finden kann, der probiere es doch einmal so: Womit kann ich dienen? Auf das Tafelbild geschaut, macht die Hilfe für den Armen Christus und damit Gott offenbar. Also fangen wir doch gleich damit an!

Nicht der Konjunktiv, die Möglichkeitsform, macht das Rennen zum Jüngsten Tag, sondern der Indikativ, die Wirklichkeitsform, schenkt Ewigkeit.

Du hast geholfen.

Christus sei Dank!



Pfarrer Karl Enderle

 

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