Predigt am 1. Adventssonntag, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 2. Dezember 2012



Erste Lesung: Jer 33,14-16

Zweite Lesung: 1 Thess 3,12-4,2

Evangelium: Lk 21,25-28.34-36


Kraft durch Grenzen


Wann findet der Weltuntergang statt? Manche wissen das öfters ganz genau. Zum Beispiel soll es wieder einmal einen geben am kommenden 21. Dezember 2012 nach dem astronomischen Kalender der in Mittelamerika beheimateten Mayas.

Wo soll die Welt untergehen? Diese Frage macht ironisch deutlich, dass alle betroffen wären.


In der Tat: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.

Seit dem Weggang Jesu nach seinem Tod und seiner Auferstehung besteht die berechtigte Hoffnung auf seine Wiederkunft – wie nach dem Winter im Frühjahr die Zugvögel wiederkehren und die Flora wieder aufs Neue aufblüht und gedeiht, auch wenn manch einem ein Stück von der Angst, dass die Vögel einmal nicht mehr wiederkehren könnten, bis heute geblieben ist.

Berechtigt sind Ängste vor der langsamen und systematischen Zerstörung der Erde durch den Menschen. Wir sollten umkehren von unserer egoistischen Einstellung … gegenüber der Umwelt, so Papst Benedikt XVI. bei seiner Rede im Bundestag im September 2011. Unser Lebensraum ist krank geworden und siecht immer mehr dahin, weil wir die Erde vergiften und beispielsweise Fische verätzen und qualvoll sterben lassen – ein Stück „Hölle auf Erden“ von Menschenhand. Im Berliner Bundestag sagte der Papst: „Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er-Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseiteschieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.“


Liebe Mitchristen, gehören auch wir zu den jungen bzw. zu den aufmerksamen Christen, denen bewusst wird, dass es Grenzen gibt, die wir nicht überschreiten dürfen?

Es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten darf, sonst gibt es zunehmend kleine und größere Katastrophen, also „Untergänge“.

Es ist vielmehr unsere Aufgabe, innerhalb von gesetzten Grenzen nachhaltig zu haushalten. So bleibt das Bestehende bestehen. Ein Wald, in dem nicht mehr Festmeter eingeschlagen werden, als innerhalb einer bestimmten Zeit wieder nachwachsen kann, bleibt bestehen. Auch sind Wertschöpfung und Recycling im Umweltbereich Zeichen der Hoffnung für schonenden Umgang zur Lebenserhaltung.


Wie aber ist das mit der Lebenserhaltung im persönlichen Bereich, wenn die Zeit abläuft?

Abgesehen von der Zeit gibt es auch vielfältige persönliche Grenzen, gesundheitlich, finanziell, kräftemäßig.

Nicht wirklich hilfreich sind Illusionen und Verdrängung. Vielmehr hilfreich ist die Wahrnehmung von gesetzten Grenzen; wohlgemerkt – von gesetzten Grenzen! Derjenige, der sie gesetzt hat, kann sie auch öffnen.


Jetzt sind wir beim entscheidenden Punkt. Nicht religiös gesprochen bleibt die Grenze ein absoluter Faktor. Religiös gesprochen wird die Grenze relativ: Ich verstehe sie beziehungsweise. Ich definiere meine Existenz von jenseits der Grenze her. Mit diesem Verständnis wird mein Leben durchlässig und beziehungsfreundlich. In Freundschaft mit Jesus leben heißt, ihn voll Freude erwarten zu dürfen. Mit diesem christlichen Vorzeichen vor der „Klammer“ unseres Lebens bauen Grenzen auf und geben Kraft. Und ich kann anders mit ihnen umgehen. Sie werden in dieser Hinsicht zu hilfreichen Anhaltspunkten zur rechten Gestaltung meines Lebens.

Verpasste Chancen bleiben so. Aber ich kann daraus enorm viel lernen. Hinzugelerntes vermag mein Leben entscheidend zu verändern.


Ist es nicht Gott in seiner Allmacht, der innerhalb unserer Möglichkeiten das Unmögliche bewirken kann? Hat er nicht schon in Jesus Christus das Unmögliche wahr gemacht. Das „Unmögliche“ wurde „vollbracht“!

Alles, was wir als Grenzen erfahren, ist in Jesus Christus relativ geworden, dem alle Macht gegeben ist – „im Himmel und auf Erden“ (Mt 28,18).


Wer ihn erwartet, dem öffnen sich schon jetzt die Grenzen „in aller Freundschaft“, vor allem wenn sichtbar wird durch die Christen, die Christus erwarten, dass Mauern zwischen Völkern abgebaut werden, dass Menschen sich verstehen lernen und dass auch die Natur lebenserhaltende Freundschaft genießen darf.

Wenn der „Liebhaber des Lebens“ seine Schöpfung heimsucht, dann dürfen wir aufschauen zu ihm.



Pfarrer Karl Enderle

 

zurück