Predigt am 3. Adventssonntag, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 16. Dezember 2012


Lesung: Ex 23,20-22

Evangelium: Lk 3,10-18


Hinführung

Kommende Woche gibt es für mich zwei Feiern zur Bestattung. Dabei werde ich singen – gemäß dem offiziellen Ritus der katholischen Kirche: „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten!“ Also haben Engel viel zu tun.

Sie begleiten uns auf dem Weg zu Gott. Sie sorgen dafür, dass unser Weg zum Weg Gottes wird. Die Engel sind zu uns gesandt, dass sie uns mit hilfreichen „Tipps“ zur Seite stehen. Denn der Weg „zum Paradies“, zur bleibenden Gemeinschaft mit Gott, eröffnet sich täglich neu. Der Blick auf die Engel ist also alles andere als naive Gefühlsduselei.

Engel machen auch auf den Ernst der Lage aufmerksam. Darauf, dass ohne Gott nichts wirklich geht. Deshalb erwarten wir den Immanuel, den Gott-mit-uns!



Predigt „Engel halten Konjunktur“

Die Predigt des Johannes hat die Menschen aufgeweckt und wachgerüttelt. Im Johannes-Evangelium heißt es von ihm „Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes“ (Joh 1,6). Man könnte sagen, Johannes war aufgrund seiner Sendung zu den Menschen ein Engel ohne Flügel.


Die Malerei und die Kunst haben allerdings bis heute die Engel mit Flügeln dargestellt. In den früheren Jahrhunderten konnte man sich die physikalische Bewegung „von oben her“ über eine lange Distanz nach dem Vorbild der Vögel eben nur mit Flügeln vorstellen. Drahtloses Telefonieren oder die Schwerelosigkeit im Weltraum waren noch nicht in den Bereich menschlicher Erfahrung gekommen. Deswegen haben die Engel also Flügel: Sie überwinden die Distanz zwischen Gott und Mensch flugs für ihre Botschaft. Engel sind Boten aus der Nähe Gottes in die Nähe der Menschen. Sie vermitteln schöpfungsgemäß die Nähe zu Gott.

Engel sind also „Gott indirekt“; sie sind unzählbar wie die Menschen auch. Deshalb gibt es für sie das Bildwort von den unübersehbaren himmlischen Heerscharen.


Im Auftrag Gottes sind die Engel also für die Menschen da. Als vom gleichen Herrgott erschaffene Wesen können sie sich gut einfühlen in menschliche Situationen, in denen sie den Menschen beistehen sollen.


Auf dem Altar befinden sich deshalb heute zwei weitere Engel: Einer liegt auf dem Boden und ist frustriert, fast meint man, er leidet unter dem Burn-out-Syndrom. Nicht zufällig heißt es im Buch Exodus: „Widersetz dich ihm nicht! Er würde es nicht ertragen, wenn ihr euch auflehnt; denn in ihm ist mein Name gegenwärtig.“ Der Widerstand gegen Gottes Willen macht die Engel müde und ausgebrannt. (Dann kehren sie zu Gott heim, um sich zu erholen.)

Die andere Engeldarstellung zeigt, wie zwei große Engel die Erde abhorchen, ob auf ihr Gottes Wille geschieht. Wie lange werden sie es ertragen, wie lange werden sie es aushalten? Sie können nur bleiben, wenn die Menschen beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!“

Wenn sie bleiben, dann nehmen sie teil an irdischen Vorgängen. Lauschig und plauschig versöhnen sie die Herzen mit Gott.

Auf jedem Weihnachtsmarkt gibt es Engel zu kaufen, aber es kommt darauf an, für einander Engel mit ohne Flügel zu sein, damit diese Welt etwas heiler wird als zuvor. Wie geht das?


Wer Flügel hat, kann einem anderen Menschen „etwas Himmel“ schenken.

Aber auch ein Vogel fliegt nur mit zwei Flügeln. Was also steht auf dem „linken“ Flügel eines „richtigen“ Engels?

Da steht unsere Bitte für alle Fälle: „O Gott, komm mir zu Hilfe!“

Auf dem „rechten“ Flügel steht das Wort aus dem Buch Exodus: „Achte auf ihn und hör auf seine Stimme!“

Die Entsprechung versetzt uns in die Lage, Engel mit ohne Flügel zu sein und diese Welt für die Ankunft Jesu Christi vorzubereiten. Wenn ich einen Mitmenschen auf die zweite Ankunft Jesu Christi am Ende der Zeiten vorbereite, dann mache ich eine ganze Welt adventlich!


Nun leuchtet auch ein, dass das Engelsein ein hohes Niveau hat – ich denke spontan an die vielen sozialen Berufe. So vielfältig die Situationen der Menschen sind, so vielfältig sind die Aufgaben der Engel – der Engel mit-mit Flügeln und der Engel mit-ohne Flügel.

Engel haben also das ganze Jahr Konjunktur. „coniungere“ heißt, die Verbindung herstellen. Die heiligen Engel halten die Verbindung zwischen Gott und Mensch, zwischen dem überaus heiligen Gott und den Menschen, die zur Heiligkeit berufen sind.

Bleiben wir auf dem Boden der Tatsachen. Engel erinnern: Ich kann Gutes tun und Gottes Wege gehen, den Weg Gottes gehen, auf dem er mir entgegenkommt.



Pfarrer Karl Enderle

 

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