Fest der Heiligen Familie, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 26. Dezember 2012



Evangelium: Lk 2,41-52



Wenn da nicht die Kinder wären, die mit ihren Fragen alles durcheinanderbringen, ja dann könnten wir alles quadratisch – passend – geradlinig und hygienisch einrichten.

Wenn da nicht die Jugendlichen wären, die vormals doch die lieben Kinder waren, die durch ihr pubertäres und nachpubertäres Verhalten die Erwachsenenwelt teils massiv anfragen, ja dann hätten wir ein ruhiges und immer ruhigeres Leben.

Ist es denn der Sinn des Lebens, dass alles geradlinig und ruhig verläuft? Oder hat nicht der liebe Gott selbst dafür gesorgt, dass die Eigendynamik des Lebens ständig für Veränderungen sorgt?


Veränderungen, dass sich etwas ändert und verändert, machen die eigentliche Lebensqualität aus. Wir sprechen zwar vom „Alltag“, und doch ist jeder Tag anders. Auch unsere persönliche Situation ist täglich neu.

Bloß wir legen uns die Dinge wie üblich und wie gewöhnlich zurecht und sagen dann: Jeder Tag ist gleich, jeder Gottesdienst ist gleich, immer dasselbe. Stimmt nicht! Auch wenn Sie in der Kirche immer den gleichen Platz einnehmen, so war’s früher üblich, Sie sitzen doch einmal mehr rechts und einmal mehr links. Auch auf dem Weg hierher und nach Hause kommen wir nie „gleich“ ins Gespräch. Auch die Witterung ist täglich neu. Das Wetter ist das beste Beispiel für die Lebensbedingungen, die uns alle betreffen, und auf die wir keinen Einfluss haben – oder doch?

Der letzte Klimagipfel hat wieder nicht gebracht außer Absichtserklärungen, und doch liegt die Einsicht zugrunde, dass der Mensch durch seine ihm inzwischen zur Verfügung stehende Technik die Umwelt massiv verändert. Und – das sind nicht die Kinder und Jugendlichen, sondern erwachsene Leute. Was alle Lebensalter aber verbinden kann, ist die Lernbereitschaft.


Auch der zwölfjährige Jesus saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Damit hat er uns vorgemacht, was auch jedem von uns möglich ist. Jung ist, wer lernbereit bleibt. Jünger bleibt, wer bereit ist, je neu dazuzulernen.

Wie können wir also lernen, dass die Menschheit insgesamt eine einzige große „Familie“ ist, der Erdkreis und seine Bewohner? In der Tat machen uns die weltweiten Klimaveränderungen insgesamt betroffen. Sojabohnen aus den gerodeten Urwäldern Südamerikas werden ans Vieh in Europa verfüttert. Ist das vielleicht in Ordnung?

Oder anders gefragt: Was muss alles passieren, damit wir neu Fragen stellen? Fragen, die vom einzelnen Menschen ausgehen, dass es ihm gut geht.


Auf einem Tageskalender des abgelaufenen Jahres habe ich Folgendes gelesen: „Wer anderen Gutes tut, dem geht es selber gut. Das ist das innere Geheimnis von Heiligkeit.“

Die Quelle aller guten Gaben ist Gott selbst. Wenn wir uns ins Gute einüben und dabei bleiben und Fortschritte machen, kommt eine Dimension hinzu, die ebenfalls in Gott gründet und die zuerst und vor allem Gott zukommt: Heiligkeit. Von ihm her bestimmt sich alles Heilige, auch die „heilige Familie“.


Hat die Menschheitsfamilie etwa davon? Mehr jedenfalls, als wir uns vorstellen können. „Gutes“ und „Heiliges“ hat von Gott her jeder Mensch, der für Gutes und Heiliges arbeitet und dafür manche Situation aushält.

Was ich selbst gut finden, das kann für den Mitmenschen nicht schlecht sein. Aber bitteschön: Vorher fragen! Nicht einfach von ungenannten eigenen Vorstellungen ausgehen.

Zweitens: Alles, was heilend wirkt auf Körper, Geist und Seele, gehört zum Heil, das von Gott kommt: „Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt“ (Lk 3,6).


Schließlich haben wir alle denselben Herrgott!“ Wenn wir dieser Einsicht nur intensiver folgen würden, dann ginge es auch allen Menschen „mit demselben Herrgott“ besser.

Eine Welt – eine Religion, das muss nicht sein!

Aber: Eine Welt – eine Familie, das kann sein!

Ja, wir können es!

Liebe Mitchristen, diese weihnachtliche Vision ist wie ein großes Geschenk, das wir uns nicht nehmen lassen.

Wie war das noch mal? Wo sind unsere Zwölf- und Dreizehnjährigen?



Pfarrer Karl Enderle

 

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