Predigt am 1. Sonntag im Jahreskreis – Fest der Taufe Jesu, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 13. Januar 2013


Lesung:

Evangelium: Lk 3,15-16.21-22



Über Nacht hat’s gefroren. Gefährlich glatt war’s draußen. Nach dem Gottesdienst wird’s wohl wieder etwas aufgetaut sein.

Dieses Wetter soll in den nächsten Tagen so ungefähr bleiben. Wenn sich der Nebel aufgelöst hat, scheint die Sonne, und wir sehen den Reif auf den Bäumen oder den Schnee oder das Eis auf der Wasseroberfläche. Hier oben gibt es ja auch den Weiher, der früher dazu diente, das Eis zu brechen und den Brauereikellern das Bier zu kühlen.

Fest, flüssig, gasförmig – so kennen wir den wechselnden Zustand des Wasser, das sind die so genannten „Aggregatszustände“. Das Wasser der Erde steht uns zur Verfügung und wird für die Menschheit doch immer kostbarer.

Im Kreuzworträtsel schreiben wir für trockene Landschaft „Wüste“ hin, dort herrscht Wasserknappheit. Doch Pflanze, Tier und Mensch brauchen Wasser – und somit wird klar: Wasser ist Leben.


Aus der Wüste kommt auch Jesus zum Fluss und er kommt zu Johannes dem Täufer. Doch er wird aufgehalten: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“

Doch Jesus hatte keine Angst davor, dass die Maßstäbe auf den Kopf gestellt werden: „Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen.“

Jesus begründet sein Verhalten. Es geht ihm in erster Linie um das, was Gott will.

Indem Jesus in das Wasser der Taufe hinabsteigt, unterwirft er sich für sein Erlöserleben den Bedingungen irdischer Existenz. Er lässt sich vom Wasser dieser Erde von allen Seiten umschließen als Zeichen seiner totalen Solidarität mit den Menschen und zugleich als Zeichen seiner uneingeschränkten Hingabe an den Vater.

Wie am Anfang der Schöpfung der Geist Gottes über dem Chaoswasser schwebte, so steigt jetzt Jesus von Nazaret in das Chaoswasser hinab und wird ganz und gar solidarisch auch mit den Menschen, denen das Wasser über dem Kopf zusammenschlägt.


Als Jesus wieder auftaucht, öffnet sich der Himmel und er geoffenbart und bestätigt als der Christus, der Gesalbte Gottes. Zugleich wird damit das Zeichen des Johannes bestätigt, auf dessen Predigt und Wirken hin das Ganze geschieht.


Dieses Ereignis bedeutet also den verbindlichen Anfang der Neuschöpfung in Jesus Christus von Grund auf. Von nun an gilt die Gerechtigkeit Gottes, die sich in Jesus ereignet. „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe!“ Ist nicht die logische Übersetzung Folgende: Dies ist (durch den Sohn) die geliebte Menschheit, an der ich Gefallen gefunden habe?

Jesus wird dieses Wohlgefallen zeigen den Sündern, den Zöllnern, den Aussätzigen, den Kindern, den Besessenen. Jesus zeigt auch uns dieses Wohlgefallen Gottes in den verschiedenen Begegnungsformen, die uns heute möglich sind.


Es ist wohl nicht angebracht, bei Jesus von „Aggregatszuständen“ zu reden, wiewohl ich den Vergleich interessant finde. Ich möchte das an einem Beispiel erklären.

Da Wasser in seinem festen, flüssigen und gasförmigen Zustand muss gefasst werden, damit wir es benutzen können: Eisbecher, Pistenwalze, Wasserglas, Schwimmbecken, Dampfmaschine.


Und bei Jesus? Jesus ist für uns gefasst im Wort des Evangeliums. Das auf Papier festgedruckte Wort ist fester Bestandteil des Gottesdienstes. Was wir hören und genießen, sickert ein und dringt in unser Herz.

Jesus kann man essen: Brot ist feste Substanz.

Jesus kann man trinken: Wein ist flüssige Gabe.

Obwohl man Bildvergleiche nicht überanstrengen soll, möchte ich trotzdem parallel zum Bild fragen: Gibt es Jesus auch gasförmig? Ist es nicht die Ahnung von Gott, die jeder von uns mitbringt. Diese Ahnung liegt im Menschen tief verborgen und wenn sie hochsteigt und sich ausdehnen will, treibt sie wie eine religiöse Motivation unser Tun an.


Die Wasser Jesu, die Wasser des Himmels, die Wasser des Lebens fließen für uns in den Sakramenten, denn in den Sakramenten sind sie gefasst und damit auch fassbar.

Natürlich ist Gottes Wirken nicht beschränkt auf die Sakramente. Aber es soll nur deutlich werden: Das Wasser im Glas ist wichtig, die Wolke am Himmel, aber bevorzugen werden wir auf jeden Fall das Wasser im Glas, um unseren Durst zu löschen.

Gott in der Kirche spüren ist wichtig, Gott im Wald und in der Natur spüren ist auch wichtig, aber bevorzugen werden wir auf jeden Fall als Menschen einen anderen Menschen, weil wir mit einem anderen Menschen eins zu eins sprechen können. Nur die Ahnung oder nur das Gespür ist uns auf Dauer zu wenig. Wir möchten eigentlich die Konkretion, die klare Bestimmtheit unseres Daseins in Worten. Es kommt also auf die Konzentration im Wort an und auf die Konzentration im Zeichen. In Jesus Christus ist die Gerechtigkeit Gottes für uns vollkommen konzentriert und uneingeschränkt solidarisch mit den Menschen. In den Sakramenten können wir diese Gerechtigkeit Gottes wirksam erfassen und begreifen, weil wir Worte und Zeichen begreifen können.



Pfarrer Karl Enderle

 

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