Predigt am 5. Sonntag im Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 10. Februar 2013


Lesung: Jes 6,1-2a.3-8

Evangelium: Lk 5,1-11


Wenn man Fische fangen will, muss man bei uns eine Fischereiprüfung machen.

Welche Voraussetzungen sind notwendig, um als Menschenfischer tätig zu werden und im Auftrag Jesu „Menschen zu fangen“?

Gefangene werden in der Regel angebunden mit einer Schnur, mit einem Strick, mit einer Handschelle, Gefangene wurden damals (und heute!) in Ketten gelegt. Wie also sollen wir dieses Wort verstehen? Es ist doch schrecklich, Menschen zu fangen!

Es gibt auch die Befangenheit, etwas zu tun. Gegenüber einer Überforderung kapitulieren wir, gegenüber einer negativen Erfahrung resignieren wir. Kapitulation und Resignation machen innerlich gefangen und befangen. Wir können nicht aus uns herausgehen und trauen uns zu wenig. Wir ziehen uns auf uns selbst zurück und vergraben womöglich noch unsere Talente. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der lebendige Gott das möchte. Woher kommt die Wende, wenn nicht von ihm selbst?

Wir brauchen die Erfahrung, dass für uns die Kohlen aus dem Feuer geholt werden. Diese Erfahrung wird dem Menschen Jesaja in einer Vision geschenkt. Zunächst erschrickt er vor der Majestät Gottes. Gott zu sehen ist schlichtweg eine menschliche Überforderung. Er beginnt zu kapitulieren: „Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen!“

Er bekommt Einblick in die Heiligkeit Gottes und erkennt sich selbst davor kontrastvoll „unheilig“. Er empfindet sich minderwertig zu der Vision, die seine Augen sehen.

Die Abhilfe kommt durch den heiligen Seraph. Der Engel aus der nächsten Nähe Gottes holt die glühende Kohle mit einer Zange vom Altar, handwerklich verständlich, und berührt damit den Mund, menschlich unvorstellbar. Eine unvorstellbare Wirksamkeit, einer unermessliche Glut der Läuterung und Reinigung schafft und macht die Voraussetzung, Prophet zu sein. Jesaja hört die verbindliche Zusage: „Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt!“ Solcherlei Zusage „auf ewig“ lässt Schuldgefühle hinter sich und verhindert, sich als Sünder zu verkriechen. Jetzt wird Jesaja sogar fähig, noch mehr zu hören. Seine Befangenheit ist gelöst, aufgelöst und erlöst. Er fühlt sich in der Lage, eine hochprozentig schwierige Aufgabe zu übernehmen: für Gott zu gehen und sich senden zu lassen, Gott hinauszurufen und in Erinnerung zu rufen in das Volk, das Gott sich erwählt hat, um es zu führen und zu leiten, damals, zur Zeit des Propheten Jesaja.

Heutzutage ist diese Aufgabe nicht einfacher geworden. Dessen war sich Jesus von Nazaret sehr wohl bewusst. Deshalb schenkt auch er seinen Jüngern zuerst eine kontrastreiche Erfahrung. Er zeigt ihnen, den berufserfahrenen Fischern, dass die tägliche Arbeit auf sein Wort hin nicht nur den gewünschten Erfolg bringt, sondern darüber hinaus unerwartet viel einbringt. Die überzeugende, diese überwältigende, diese überweltliche Erfahrung macht Simon Petrus sehr betroffen. Auch er empfindet sich als „Sünder“, sieht sich abständig und weit weg vom Herrn. Dieser entgegnet ihm mit dem erlösenden Wort: „Fürchte dich nicht!“

Diese „Lossprechung“ Jesu befreit Simon Petrus und die Jünger und setzt sie frei. Sie sind freigesetzt für den Auftrag Jesu und lassen dafür irdische Bindungen hinter sich. Im Hören auf Jesu Wort empfangen sie Wegweisung, immer neu für den nächsten Schritt. Denn Jesus weiß ja den Weg, um die Menschen mit Gott zu verbinden. Dafür erteilt er den Auftrag, Menschen zu fangen. Die Jünger sollen die Menschen in die „Ketten seiner Liebe“ legen, Ketten, die man nicht sieht und die rund um die Welt halten; diese Ketten halten den Menschen in der Verbindung mit Gott. In diese Ketten werden auch wir in jedem Gottesdienst gelegt. Im Wortgottesdienst und in der Eucharistiefeier vollziehen wir miteinander die Verbindung des Menschen mit Gott aufgrund des Bundes Gottes mit den Menschen, das heißt für uns: Christus hält dir die Verbindung zum Vater.

Für das praktische Leben bedeutet dies, dass die Ketten der Liebe Christi durch das ganze Leben und in jeder Situation durchtragen und halten. Liebe Mitchristen, solcherlei Erfahrungen wünsche ich Ihnen und uns. Dafür lasse ich mich gern senden und dafür kann ich freiwillig gehen! Diese Frohbotschaft ist es wert.

Wenn das nur keine Überforderung ist, Gott zur Sprache zu bringen in einer gottvergessenen Zeit! An Gott zu erinnern, der doch schon von Anfang an in uns wohnt, Gottes Liebe zu vermelden, wo „Gott“ oft und schnell auf die Anklagebank versetzt wird. Oder wie kann ich persönlich dafür einstehen, da ich schon so oft versagt habe, wobei ich doch schon so oft resignieren oder vor Problemen kapitulieren wollte?

So will ich es machen! Ich halte die Kapitulationen und Resignationen meines Lebens dem Herrn hin. Und wenn ich ausrufen muss: O „weh mir“, was habe ich getan, was habe ich unterlassen, „ich bin verloren“, so wird der heilige Engel Gottes mit der glühenden Kohle vom Altar Gottes meine Kapitulation und Resignation berühren und ich darf wie Jesaja vernehmen: „Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt!“ So kann ich sagen: Hier bin ich, Herr, sende mich weiter in diese Welt. Auf dieser Erde gibt es eben einerseits so vieles, was die Menschen tun können, es gibt andererseits die andere Seite des Bootes, die Seite der Glut der Liebe Christi. Sein Wort soll mich immer gefangen halten.


Pfarrer Karl Enderle

 

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