Zweiter Fastensonntag, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 24. Februar 2013


Erste Lesung: Gen 15,5-12.17-18

Zweite Lesung: Phil 3,17-4,1

Evangelium: Lk 9,28b-36


Grenzerfahrungen

lassen innerhalb der Grenzen wachsen, staunen und reifen


Zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst!“ Diese Aufforderung enthält und berücksichtigt zugleich die Grenze dessen, was möglich ist. Das heißt doch: Der Makrokosmos ist unzählbar groß, alles Geschaffene ist unermesslich, also nicht messbar.

Betrachten wir dazu auch den Mikrokosmos. Zähl die Sandkörner, wenn du sie zählen kannst. Zähl die Nadeln an den Nadelbäumen, zähl die Schneeflocken, zähl das Wild im Wald. Es ist nicht möglich. Wir machen eine Grenzerfahrung beim Zählen; ich glaube, sie ist wertvoll.

Wenn wir heute Mittag einen Spaziergang machen, dann verändert sich bei jedem Schritt unser Standpunkt und unsere Perspektive ( einen Schritt zur Seite treten und wieder zurück).


Das ist das Eine. Das Andere ist: Wir betrachten und bestaunen wohlwollend unsere Umgebung, obwohl wir sie nicht zählen können und freuen uns trotzdem an ihr.

Wenn wir jetzt an die Menschen denken, die auf dem Erdkreis wohnen, dann wird uns deutlich: Gott ist groß, und es gibt so viele Mitmenschen, der Herr allein kennt sie alle. Und er erkennt sie voller Liebe und will ihnen allen sein göttliches Leben mitteilen.


Liebe Mitchristen, wir können nicht alle Erdenbürger kennen. Aber für alle gilt jetzt auch die Verheißung des Neuen Bundes: „Unsere Heimat ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes.“


Wenn wir alle, wenn also alle Menschen auf der weiten Welt Anteil bekommen sollen an dieser Gestalt des auferstandenen Christus, dann gehören wir auf geheimnisvolle Weise zueinander; wir bilden gemeinsam den mystischen Leib Christi, dann reicht unser Leben schon jetzt gleichsam bis in den Himmel hinein. Deswegen heißt es: „Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott“ (Kol 3,3).


Weil also unser eigentliches Leben abgesichert und hinterlegt ist, können wir uns umso mehr auf Erden engagieren und riskieren. Wer etwas wagt, gewinnt. Ohne Wagemut kommen wir zu nichts.

Wie sieht das aus, wenn jetzt ein einzelner Mitmensch vor dir steht und dich um Hilfe bittet?


Erinnern wir uns! Jesus kommt vom Himmel her auch als Richter! Jeder von uns ist ihm gegenüber verantwortlich und wird Antwort geben müssen über sein Leben. Was zählt dabei? Kann der Herr auf dich zählen, kann der Herr mit dir rechnen, da er einen Menschen zu dir geschickt hat? Warum ausgerechnet diesen? Das weiß allein der Herr!


Die Stimme aus der Wolke war eindeutig: „Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!“ Hören wir also auf ihn, auf Jesus, den Retter, der zugleich unser Richter sein wird. Er hat unmissverständlich gesagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).


Liebe Mitchristen, wir brauchen also nicht die Sterne zählen können, nicht die Vögel am Horizont oder die Blütenblätter der Schneeglöckchen. Es geht immer zuerst darum, hier und heute einem konkreten Menschen zu helfen, der in Not ist – und zwar nach unseren Möglichkeiten.

Werbesprüche sind gut durchdacht: „Entdecke die Möglichkeiten!“

Liebe Mitchristen, sich um Jesu Christi willen riskieren – was ist daran falsch? Trotz mancher Schwierigkeitsgrade einen Weg finden zu helfen, was gibt `s daran zu kritisieren? Machen wir doch Grenzerfahrungen, damit einem Mitmenschen geholfen werden kann!


Alles, was Gott erschaffen hat, ist nicht zählbar. Was Menschen machen, zählen sie von Anfang an. Das ist sinnvoll und notwendig. Aber angesichts des Erbarmens Gottes mit einem jeden von uns sollten wir mit unseren begrenzten, zählbaren Möglichkeiten Hilfe leisten, wo Hilfe Not tut.


Schlussendlich „zählt“ vor Gott die konkrete Tat der Nächstenliebe: Menschen helfen Schritt für Schritt und dabei Grenzerfahrungen machen, die in Gott aufgehoben sind, und zwar gut aufgehoben sind!

Gott ist der eine gute Vater im Himmel. Er will uns nicht nur Anteil geben an der Gestalt seines Sohnes, sondern auch an seinem Gutsein. Dafür lohnt es sich, bis an die Grenze der eigenen Möglichkeiten zu gehen. Der heutige Caritas-Sonntag will uns also ermutigen: Sei gut und hilfreich zu deinen Mitmenschen – Gott, der Herr, der da ist, der da war und der da sein wird, er hilft dir dabei.


Und wir können sogar dann gut sein, wenn wir uns selbst dabei etwas verrückt (einen Schritt zur Seite treten und wieder zurück) vorkommen.

Wer hilft, bekommt einen neuen Blick auf sich selbst. Diese mögliche Selbsterkenntnis weitet sich aus auf die mögliche Gotteserkenntnis. Deshalb birgt die tätige Nächstenliebe einen unzählbaren Schatz, der sich innerhalb der Gemeinde nur vergrößern kann.


Pfarrer Karl Enderle

 

zurück