Gründonnerstag 2013

Schwäbisch Hall, 28. März 2013


Evangelium: Joh 13,1-15


Eine Ordensfrau hat einmal Folgendes gesagt: „Auch ein einzelner kleiner Wassertropfen gehört zum Ozean. Ohne diesen Tropfen wäre der Ozean anders: Es würde ihm etwas fehlen.“ Dieses Zitat hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ist das nun sehr naiv gedacht oder ist diese Bemerkung Ausdruck einer unaufhebbaren Hoffnung, dass alles zueinander gehört und nichts verloren geht?

Tatsächlich liefert das Bild vom Wasser die Vision eines ganz großen Zusammenhangs. Wenn Wasser fließt, dann fließt es nach und gleicht sich aus.


In unserem 21. Jahrhundert ist die Einsicht, dass alles miteinander vernetzt ist, durch das Internet bestätigt. Kontaktaufnahmen sind schnell möglich, aber auch genauso schnell wieder abgebrochen. Man kennt sich ja nicht wirklich. Wir verhalten uns bei der medialen Kommunikation ganz anders als etwa in der persönlichen Begegnung. Dabei ist die persönliche Begegnung die menschenwürdigste von allen, denn wir begegnen uns ganzheitlich mit allen Sinnen. Ganzheitliche Begegnung entspricht einer Ursehnsucht in uns, die ausgerichtet ist nach einer tragfähigen und tragenden Gemeinschaft, die gut und von Dauer ist, sozusagen vom „Start bis Gott“.


An diesem Punkt setzt das Verhalten Jesu an. Er hat die Menschen während seiner Zeit als Wanderprediger und Heiland immer wieder an der Hand genommen hat, um sie aufzurichten, zu führen und zu heilen.


Heute, vor dem Letzten Abendmahl, ergreift Jesus die Füße seiner Apostel und nimmt sie am Fuß. Während ein Sklave die Füße der Herren waschen musste, nimmt Jesus freiwillig diesen Dienst auf sich. Dieses Wasser, das Jesus benutzt hat, gibt es heute noch. Niemand kann daran zweifeln, dass physikalisch gesehen die Wassermoleküle bzw. diese Atome Wasserstoff und Sauerstoff irgendwo vorhanden sind. So wie diese Begebenheit von damals für uns durch das aufgeschriebene Evangelium festgehalten wurde.


Ausgehend vom Evangelium gibt es dieses Verhalten Jesu seither bei seinen Jüngern – bis heute, wenn sie ihn zum Vorbild nehmen und seinen Auftrag befolgen. Dadurch wurde die Liebe Jesu, des Heilandes, über die Zeiten und Grenzen hinweg vernetzt. Eine tragfähige und auferbauende Gemeinschaft beruht auf dieser Zuwendung dienender Liebe nach dem Vorbild Jesu. Die Liebe Jesu ist also Lebensmitteilung Gottes an die Menschen in einer Ganzheitlichkeit, die von Fuß bis Kopf reicht. Die praktische Seite der Rede von Gott beginnt also bei den Fußsohlen, diese haben, wie wir wissen, genug Auswirkung auf das Gehirn im Kopf. Wer die Füße wäscht, bewegt die Gedankenwelt des anderen. Die Hand am Fuß bleibt nicht ohne Auswirkung. Wir können sagen: nicht ohne Auswirkungen auch auf alle Zellen des ganzen Körpers. Halten wir uns noch mehr an das, was Jesus empfiehlt: Es geht dabei nicht nur um die symbolische Fußwaschung hier im Gottesdienst, sondern um den bewährten Gemeindealltag.


Ausgehend von der Fußwaschung Jesu brauchen wir noch mehr Taten, und zwar solche, die Menschen aufrichten und die Gemeinde auferbauen. Das geht in einer noch größeren Vernetzung mit Jesus und seiner ganzen Kirche, die auf das Fundament der Apostel und Propheten gegründet ist. Kirchliche Vernetzung braucht also wesentlich den Verbund mit der durch Jesus offenbarten Lebensmitteilung Gottes, die selbst den Tod überwunden und unsere Füße auf neuen Grund gestellt hat.


Die unteilbare Liebe Jesu Christi möchte dabei keinen Menschen vermissen. Wenn einer fehlt, ist unser Leben als Gemeinde und als Christen noch nicht vollständig. Ohne den letzten Menschen würde dem Ozean der Menschheitsfamilie etwas fehlen. Von Jesus her können wir Net-Worker sein – und zwar solche, die übers Internet hinaus den Glauben an Jesus Christus effektiv vernetzen, indem wir die Füße anderer mit dem Wasser Jesu benetzen, nicht ohne unsere eigenen Freudentränen oder Tränen der Trauer.

Tropfen hilft Tropfen. Du bist der Tropfen. Ich bin der Tropfen. Wir sind keine armen Tropfen, wenn wir mit unserem Glauben an Jesus Christus die Menschen benetzen, mit denen wir vernetzt sind. Denn das Wasser des Glaubens macht wirklich rein auf Dauer und auf Zukunft hin, die Gott, der Vater, durch den Sohn uns allen bereitet.


Pfarrer Karl Enderle

 

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