Karfreitag 2013

Schwäbisch Hall, 29. März 2013


Fluchtweg Kreuz


Als Forstanwärter habe ich es gelernt: Beim Fällen eines Baumes muss man sich vorab klar machen, wo gegebenenfalls ein Fluchtweg ist. Was für „draußen“ gilt, hat auch für „drinnen“ Gültigkeit. In jedem öffentlichen Gebäude muss der Notausgang ausgeschildert sein.

Fluchtwege müssen festgelegt sein, wenn es brenzlig wird.


Außerdem benutzen wir in vielen menschlichen Situationen Ausflüchte. In einer Sackgasse zu stecken, ist ja nicht besonders angenehm.

Wir Menschen scheinen uns nur wohl zu fühlen, wenn wir im Zweifelsfall noch eine Ausflucht oder eine Ausrede wissen: Ach, dann sage ich halt so oder so…

Ob solch eine Ausflucht eingeplant war oder ob sie uns unvorbereitet abgenötigt wird, im Zweifelsfall sind wir schnell dabei – wie die Jünger. Im Markus-Evangelium steht: „Da verließen ihn alle und flohen!“


Und wir? Bleiben wir stehen?

Wenn da mal wieder missverständlich über Jesus geschrieben wird?

Wenn da ein Film läuft, der die Glaubensgeheimnisse in den Schmutz zieht?

Bleiben wir beim Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes, oder fliehen wir?

Nun gut, warum sollen wir besser sein als die Jünger, es ist einfach nur menschlich: Zuerst waren sie am Ölberg eingeschlafen, dann verließen ihn alle und flohen!


Jesus bleibt! Er weiß sich im Gegenüber zum Vater, auch wenn sich jetzt die Mauer der Todesfinsternis dazwischenschiebt.

Jesus starb, um die versprengten Kinder Israels zu sammeln. „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen“ (vgl. Joh 12,32).

Um uns ständig neu daran zu erinnern, wurden und werden die vielen Kreuze aufgestellt und aufgehängt. Nur wenn bei uns dieses Zeichen verschwindet und nirgendwo mehr zu sehen wäre, würde es bedrohlich.


Liebe Mitchristen, wir glauben an Jesus Christus, den erhöhten Herrn. Er ist die Kraftquelle von Liebe und Gerechtigkeit.

Gott weiß um uns, er weiß, dass wir als Menschen Auswege brauchen aus unserer Nachlässigkeit, aus unserer Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit, aus persönlicher Not und Schuld.

Die frohe Botschaft des Karfreitags ist: Die Dinge wurden umgedreht: Das „Unterste“ wurde nach „oben“ gebracht! Das Kreuz ist unser Ausweg geworden, weil Jesus geblieben ist. Das ist für uns gut! Jesus starb einen guten Tod. Der schmählichste Tod am Kreuz wurde zum Leben für alle.


Dadurch ist in persönlichen Sackgassen das Kreuz Jesu unser Ausweg geworden. Wir erkennen im Kreuz unseren Ausweg aus Schuld und Tod existentiell. Gott will, dass wir nicht untergehen und im Chaos versinken.

Es ist auch psychologisch wichtig. Wir können mit Gott verhandeln und beten: Herr, du kennst mich, auch diese meine negativen Seiten, aber schau auf Jesus, deinen geliebten Sohn! Denn: So sehr hast du die Welt geliebt, dass du deinen einzigen Sohn dahingegeben hast, damit jeder der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern in ihm das ewige Leben hat (vgl. Joh 3,16). In diesem Glauben und mit diesem Vertrauen können wir uns unter das Kreuz Jesu stellen, denn Jesus sprach: „Es ist vollbracht!“ So hat Gott uns den Ausweg und die Ausflucht eröffnet. Deshalb können wir jetzt zum Kreuz Jesu fliehen. Der Altar des Kreuzes ist die Mitte unseres Heiles geworden. Suchen wir also unser Heil in der Flucht – zum Kreuz Jesu!


Damals sind die Jünger vom Kreuz weg geflohen. Jetzt wurden die Fliehkräfte vom Kreuz weg abgelöst durch die heilsame Anziehungskraft des Kreuzes Jesu. Und wir beten: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung!“


Pfarrer Karl Enderle

 

zurück