Predigt am Fest der Taufe des Herrn, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 10. Januar 2010

 

Kyrie-Rufe

Herr Jesus Christus – geliebter Sohn des Vaters!

Herr Jesus Christus – geliebter Heiland der Menschen!

Herr Jesus Christus – geliebter Erlöser der Menschheit!

 

Lesung: Jes 42,5a.1-4.6-7

Evangelium: Lk 3,15-16.21-22

 

Getauft – getränkt – gesandt!

 

Wenn wir jemand besonders lieben, möchten wir ihn in besonderer Weise auch festhalten. Psychologisch spricht man vom „Klammern“. Das wird zunächst negativ gesehen, falls dadurch jemand an seiner weiteren Entwicklung bzw. an seinem weiteren Weg gehindert wird.

 

Wie aus dem Evangelium ersichtlich wird, haben die Eltern Jesu ihn nicht „festgehalten“. Sie haben ihn freigegeben. Sonst hätte er nicht dem folgen können, was Gott von ihm wollte. Die Botschaft der Weihnacht hat uns nahe gebracht, dass die Eltern Jesu von Anfang an sich eingefügt haben in das Geschehen, wie Gott wollte. Sie haben der Übereinstimmung mit Gottes Willen zugestimmt.

 

Dadurch wurde der Weg des Kindes zu Betlehem frei für seine Sendung. So ist es kein Zufall, dass Jesus sich in der Reihe derjenigen findet, die sich taufen lassen wollen. Er befindet sich mitten im Gedränge derjenigen, die voll Erwartung sind auf das, was von Gott kommt.

 

Dafür öffnet sich nun der Himmel bei der Taufe Jesu, und die Gabe Gottes, der Heilige Geist, kommt herab in Gestalt einer Taube. Diese „Taube“ ist der symbolische Fingerzeig Gottes: Dieser Jesus von Nazaret ist es, und niemand sonst; kein anderer ist den Menschen gegeben, durch den sich der Himmel öffnet – ganz und weit und für immer: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden!“

 

Wie halten wir das fest, was da geschehen ist?

Der Evangelist Lukas hat es zunächst für uns schriftlich festgehalten und viele Künstler haben diese Szene ausgemalt. In Schrift und Bild wurde sie festgehalten. Was da geschehen ist und offenbar wurde, wollen wir für immer behalten.

 

Liebe Mitchristen, das mögen wir doch auch: geliebt sein und in Gottes Wohlgefallen stehen. Sind wir Christen also religiöse „Klammerer“? Ja, wir klammern am Zeugnis über Jesus den Christus fest, weil es uns den Himmel öffnet. Liebe und Wohlgefallen von Gott kommen herab, wenn wir tun, was Jesus aufgetragen hat.

 

Durch unsere eigene Taufe stehen wir in Beziehung zu Jesus, und diese Beziehung zieht das Wohlgefallen und die Liebe Gottes auf uns herab. Das wird uns umso mehr bewusst, wenn wir unser Getauftsein erneuern und aktualisieren. Dann wird unser Christsein fruchtbar für andere.

 

Aufgrund unserer Taufe bezeugen wir Jesus für andere und für die Welt! Deswegen hält Gott an uns fest, weil wir Jesus lieben. Auch wenn wir wie ein geknicktes Rohr daherkommen, werden wir nicht zerbrochen! Auch wenn wir wie ein glimmender Docht dahinleben, werden wir nicht ausgelöscht. Diese Festhalte-Geduld Gottes mit uns ist unübertrefflich. Ich glaube, gerade deshalb besteht die Welt. Gott sieht seinen geliebten Sohn immer „zusammen mit dem ganzen Volk“.

 

Gerade deshalb, weil Gott an seinem geliebten Sohn unverbrüchlich „festhält“, wird der Weg der Menschheit frei für Liebe und Wohlgefallen. Schließlich ist Jesus Christus „der Bund für das Volk und das Licht für die Völker“ (Jes 42,6).

 

Diese Einsicht macht den Weg frei. Unsere Taufe ist die erste grundlegende Bindung an Jesus Christus. Dabei wurden wir mit Wasser berührt. Berührung geschieht auf der Hautoberfläche. Sie ist das äußere Zeichen für den inneren Vorgang, dass Gottes Heiliger Geist uns läutert, gleichsam wie Feuer. Wir wurden behandelt durch das irdische Zeichen des Wassers von außen und durch das göttliche Zeichen des Feuers von innen.

 

Beides, Wasser und Feuer, können wir nicht festhalten. Sie sind Bild für die wohldosierte Behandlung durch Jesus an allen, die sich an ihn gebunden haben. Wer sich an Jesus gebunden hat, der erfährt sein Festhalten dadurch, dass er immer wieder neu mit Aufgaben konfrontiert wird, durch die er – zusammen mit dem ganzen Volk – weiterführt, was mit Jesus begonnen hat. Dafür ist uns der Himmel aufgetan, der offene Himmel teilt seine Gaben unbegrenzt aus. Im Bund mit Jesus werden wir getränkt mit Heiligem Geist. Diese Tränkung löst jede Befangenheit und macht frei für den Weg des göttlichen Wohlgefallens. Dafür ließ sich Jesus senden und ausrüsten. Dafür lasst auch uns gehen, denn wir sind gesandt, weil Gott liebt uns und hält an uns festhält.

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

zurück